Autor:in: Heike Oldenburg

Magazin „Spring“ mit jährlich neuem Thema – im Jahr 2018: Arbeit

 

Nur wer seine Kunst meisterhaft beherrscht, darf die gesellschaftlichen Tugenden “Fleiß, Mühsal und Tüchtigkeit” für sich in Anspruch nehmen.
Larissa Bertonasco hat den Teufelskreis einer vielarbeitenden Künstlerin durchbrochen: Sie hat ihr einjähriges “Burnout”, welches ihr die Gesellschaft notgedrungen zugestehen musste, wiederum künstlerisch verarbeitet!
Nur so konnte sie zu tieferen Erkenntnissen gelangen. Und setzt diese um, lebt sie vor, in ihrer Zeit, für ihre Nachwelt.

Das Hamburger Frauenkollektiv „Spring“ besteht seit dem Jahr 2004. Es ist „ein solides und wichtiges Netzwerk für Zeichnerinnen in Deutschland”¹. Das Magazin ist selbstverwaltet und nicht-kommerziell.²
Warum hat das Kollektiv sich für diesen vorwärtsgewandten und bewegten/bewegenden Titel entschieden? Dazu Larissa Bertonasco, die von Anfang an dabei war und im vorliegenden Band mit zwei Geschichten vertreten ist: „Der Name entstand ja in den Vorbereitungen für die erste Ausgabe und wir hatten ziemlich viele Vorschläge, letztendlich war es dann ein Kompromiss und eine Mehrheitsentscheidung. Wir fanden es ganz gut, dass der Name etwas Dynamisches hat – also eher das deutsche: Los, komm, spring! Rein ins Leben! als der englische Frühling … Wobei wir eine gewisse Doppeldeutigkeit vielleicht auch ganz gut fanden, dass es so gleichzeitig auch im Englischen funktioniert. Letztendlich wachsen ja irgendwann der Name und das Projekt zusammen.“³
Dass der Titel auch mit dem englischen Frühling klappt, ist insofern wichtig, da die Sammelbände der Frauengemeinschaft zweisprachig konzipiert sind. Jeweils im September erscheint das Magazin. Das Frauenkollektiv „Spring“ hat sich für seine 15. Ausgabe im Jahr 2018 für das Thema „Arbeit“ entschieden. An der vorliegenden Ausgabe haben sich 13 von über 40 Zeichnerinnen aus aller Welt beteiligt.
Der erste Beitrag von Stephanie Wunderlich befasst sich mit der geschichtlichen Entwicklung, was Arbeit ist: Auf S. 10 ist ein Podest aus den drei Worten FLEISS, MÜHSAL und TÜCHTIGKEIT abgebildet, darauf ein Männerkopf mit verkniffenen Lippen und geschlossenen Augen, konzentriert-schwitzend. Aus dem Kopf ragen beidseitig Arme, welche Tastaturen, Hammer und anderes in den Händen halten. Auf beiden Seiten neben dem Podest beten je drei Frauen und Männer die Tätigkeiten an. Darunter steht kleingedruckt: „DAS CHRISTENTUM ADELT DIE ARBEIT ALS GUT UND GOTTGEWOLLT.“ Der 13-seitige Beitrag endet mit „SO VIELE SCHWIERIGE FRAGEN … ICH BRAUCHE JETZT ERSTMAL EINE KAFFEEPAUSE.“ Das Ende dieses Beitrags ist ein guter Anfang für ein Thema, das in Deutschland einen hohen Stellenwert hat. Über ihre Tochter erzählte eine Freundin, dass sie in dem Call-Center, in dem sie arbeitete, für jeden Toilettengang auschecken musste – Privatzeit! In Chile lobte sich bereits ein Supermarkt dafür, dass er für seine Kassiererinnen Windeln stellt⁴, „weil sie während der Arbeitszeit [neun Stunden] nicht zur Toilette dürfen.“⁵⁶
So etwas ist unmenschlich. Auf Bedürfnisse nimmt die Arbeitswelt auch heute noch zu wenig Rücksicht.
Es werden Themen wie Klassengesellschaft („Die Mauer“ von der Zeichnerin moki) und der auf 54 Tage begrenzte Ablauf eines Arbeitsbienenlebens aufgegriffen. In der märchenhaften Bearbeitung „Die drei Spinnerinnen“ führt Frauensolidarität dazu, dass der Prinz seine Gattin vor dem Flachsspinnen schützt – dafür darf sie nun im weiblichen Traumberuf „Mutter“ fünf Kinder gebären.⁷ Im Beitrag „Schippendales“ von Katharina Gschwendner werden die Geschlechterverhältnisse im wahrsten Sinne des Wortes „auf die Schippe“ genommen: Auf dem ersten Bild gebärt eine Frau eine Schippe.⁸ Im Schlussbeitrag, der drittlängsten Geschichte im Buch, schließt sich der Bogen: Es geht wieder um das Pausenbedürfnis.
Diesmal ist es sozusagen eine lange Pause, die nötig ist. Der Titel des autobiografischen Beitrags von Larissa Bertonasco ist „BURNOUT“. Nach einer Kindheit mit dem traurigen Grundgefühl, „dass es nicht reichte, einfach nur auf der Welt zu sein, um geliebt zu werden“, folgte eine Jugend mit dem „Zeichnen [als] meine Droge …“. Larissa Bertonasco machte das Illustrieren zu ihrer Erwerbsarbeit. Dass sie diese Kunst meisterinnenhaft beherrscht, sieht frau direkt live in diesem Beitrag. Dennoch: „Trotzdem ging es mir nicht gut, (…).“ Von roter Schrift in der ersten Sprechblase oben links wechselt die Farbe im Text-Verlauf der mittleren Sprechblase ins Dunkle hinüber, um in der dritten Sprechblase den verinnerlichten Leistungsdruck in schwarzer Schrift aufzuzeigen: den (zwanghaften) Wunsch, gefühlte Unzulänglichkeit auszugleichen, indem sie sich „einfach noch mehr anstrengte, um immer besser und irgendwann perfekt zu werden!“ Die Unstimmigkeit zwischen dem inneren und dem äußeren Dasein wird dargestellt: In dem roten Sonnenstrahlen-Auge neben einem blauen Tränen-Auge erkannte ich eine Parallelität zu meiner Schaufel eines Psycho-Kollegen. Diese steht auf meinem Balkon. Auf ihr tränt allerdings auch das Sonnenstrahlen-Auge hell. Auch das Gefühl, trotz allem Schein „ein elendes Häuflein Nichts“⁹ zu sein, kenne ich sehr gut. Die Krise und das Lernen, sich selbst zu lieben, nehmen immerhin die elf letzten Seiten des Beitrags ein. Es zeigt auf, dass ein Sich-und-den-eigenen-Weg-Suchen immer sehr zeitintensiv ist.
Dass sich Larissa Bertonasco traut, dieses Thema aufzugreifen, liegt u.a. daran, dass es sich bei „Burnout“ um die „Edeldiagnose“ unter den so genannten psychischen Erkrankungen handelt. Einfach „nur mal zu viel gearbeitet haben“ wird hoch angesehen. Das hängt mit der bundesdeutschen Idealisierung von Erwerbsarbeiten zusammen. Wie Larissa Bertonasco berichtet, stellt Burnout „keine wissenschaftliche Diagnose im international geltenden Klassifikationssystem psychischer Erkrankungen dar“. Damit wird „eine ziemlich starke Erschöpfungsdepression“ verbal kaschiert und zugleich begrifflich aufgewertet. Nach einer einjährigen Heilungsphase, während der Larissa Bertonasco mutig ihren ganz eigenen Weg sucht, kann die Autorin ihrer auf dem Schoß sitzenden Tochter schon andere Werte vermitteln: „Nur existieren reicht ja schon!“ Und das ist ein sehr positiv-zukunftsweisender Abschluss des Gesamtbuches: sowohl das Sich-selbst-lieben(-können) ist vorwärtsgewandt; als auch, dass sie ihrer Tochter, der kommenden Generation, eben diesen Wert des Sich-selbst-liebens vermittelt!¹º
Zugleich ist der Beitrag am Ende des Buches realistisch-zukunftsweisend: Denn inzwischen hat knapp ein Drittel der Deutschen einmal im Leben mit psychischer Erkrankung11 zu tun. Nicht nur „Burnout“ ist, wie dargestellt, heilbar. Auch bei einem Drittel der Psychotiker*innen bleibt es bei einer einmaligen Episode. Durch die Tabuisierung des Themas sind solche Fakten leider kaum bekannt. Durch den Mut einer „gestandenen“ Frau wie Larissa Bertonasco und anderer Betroffenen könnte sich dies in Zukunft ändern. Auch F.O.K.U.S. Bremen arbeitet an einer Öffnung innerhalb des Erwerbsarbeitslebens, um mehr Teilhabe für mehr Menschen mit psychischen Beeinträch- tigungen zu erhalten. Mit Unterstützung der EXPA – eines Vereins mit Betroffenen, Angehörigen und Profis – sowie der Bremer Arbeitnehmerkammer werden im Arbeitskreis „Genesungsbegleitung im Unternehmen“ Wege gesucht, das vorhandene Gesundheitsangebot für Mitarbeiter*innen zu ergänzen.¹² Mitarbeiter*innen mit psychischen Störungen und ihre Angehörigen werden vor, während und nach einer psychischen Krise unterstützt.

Seit dem Jahr 2015 erscheint das Magazin „Spring“ im Hamburger mairisch Verlag. Leider sind Spring-Titel wie „Numéro 12, Privée“ und „Happy Ending“ bereits vergriffen. Auch bei der Ausgabe zum Thema “Sex” vom Septmeber 2019 ist es ratsam, sich schnell ein Exemplar zu sichern.

Heike Oldenburg, August 2019, SPRING No. 15, Arbeit, zweifarbig, zweisprachig, mairisch Verlag, Hamburg September 2018, www.springmagazin.de

 

Quellenangaben 1 Presseerklärung
2 „Arbeit“, S. 228
3 Mail Larissa Bertonasco, 20. Februar 2019
4 Ernst Lohoff u.a. (Hg.): Dead Men Working, Unrast-Verlag 2004, darin „In fantilisierung bis zum Windelstadium“ von Maria Wölflingseder
5 https://www.abendblatt.de/vermischtes/article107233605/Kassiererinnen- tragen-Windeln.html, TOILETTEN-VERBOT, 04.05.07, Zugriff 20.08.2019
6 Heutige Rechtsprechung zu Toilettengang in Deutschland: https://www.kanz lei-hasselbach.de/2016/gehoeren-toilettenpausen-zur-arbeitszeit/08/
7 Bildinterpretation S. 144
8 S. 148
9 S. 201
10 Der Beitrag wird auch in der Oktober-Ausgabe der Frauenzeitschrift EMOTI ON abgedruckt werden.
11 DGPPN, Zahlen und Fakten der Psychiatrie und Psychotherapie, Stand: Juli 2019, Zugriff Factsheet August 2019
12 https://unternehmen-inklusiv.de/Flyer_UnternehmenInklusiv.pdf