Autor:in: Iris Berthold

Dornröschen – eine Parabel (für mein Leben)

 

Hallo. Ich bin Iris – und ich bin komplex traumatisiert. Ich habe alle Formen von Gewalt erlebt – physisch, sexuell, seelisch, emotional. Die schlimmsten Taten ereigneten sich in der Familie über viele, viele Jahre. Urvertrauen konnte ich nie aufbauen. Das sollte sich über mein gesamtes Leben wie ein Bannspruch bis, ja, bis zum Anfang des Jahres 2019 legen. Von meiner Mutter hatte ich gelernt, dass Kinder das Mittel zum Zweck sind, die eigene Seele zu retten und als Partnerersatz zu dienen. Ich dachte, es ist völlig richtig das eigene Glück von einer eigenen Familie abhängig zu machen. Und so schlitterte ich immer wieder in Beziehungen, die zu weiterem Missbrauch führten. Dazu kam, dass mein Vater mich als Mädchen nicht gewollt hat und sich meinen Cousin als eigenen Sohn „herangezüchtet“ hat. Und ausgerechnet dieser Sohnersatz quälte mich jahrelang. Als mein Vater davon erfuhr, war seine Reaktion, meinen Cousin zu schützen mit der Begründung: „Er ist für mich wie mein eigener Sohn… und ich will ihm seine Zukunft nicht verbauen“. Meine Mutter hat mich vor so viel seelischer Grausamkeit nicht geschützt, sondern wollte ihr Wohlstandsleben nicht aufgeben.
Und so geschah… nichts.
Das war der erste Verrat.
Meine Weichen hatten sich gestellt, ich bekam lebenslänglich.

Ich möchte in einer Parabel sprechen, um meinen langen Weg zur Heilungserfahrung zu beschreiben:

Nach langem Warten bekommt ein König leider eine Tochter, aber zum großen Glück der Königin. Aus Freude darüber lädt sie ihre Untertanen zu einem Fest, darunter auch zwölf weise Frauen, die sinnbildlich für „vertraute“ Personen meiner Mutter standen, die mich kontrollierten. Die dreizehnte – die narzisstische Persönlichkeit meiner Mutter – die aus Mangel an Geschirr nicht zur Taufe der neugeborenen Königstochter eingeladen worden war, belegte das Mädchen mit einem Bannspruch, dass es sich am Tag ihrer Volljährigkeit beim Spinnen stechen und daran sterben solle. Eine der zwölf übrigen Feen – sinnbildlich mein Deutschlehrer auf dem Gymnasium – die an dem Fest teilnehmen durften, wandelt den Todesfluch aber in einen hundertjährigen Schlaf um.

Am Tag der Volljährigkeit des Mädchens erkundet sie ihre Grenzen, indem sie beginnt, sich an anderen Menschen zu orientieren und an den Fesseln des Palasts zu zerren. Die Prinzessin will sich von der Mutter befreien, indem sie zu ihrem ersten Freund zieht; wodurch sie vom Regen in die Traufe kommt. Sie fällt gemeinsam mit dem gesamten Hofstaat in einen tiefen Schlaf. Das Schloss wird mit einer undurchdringlichen Dornenhecke – dem Karma der Königin und des Königs – umringt, aus der nach zweiundfünfzig Jahren Rosen wachsen. Erst an diesem Tag gelingt es einem Prinzen, in den Turm zu gelangen, wo er die Königstochter wachküsst, woraufhin auch der Schlaf des Hofstaats beendet ist. Dornröschen und der Prinz heiraten – dieser Tag steht für den 4. Januar 2019. Nach zweiundfünfzig Jahren sagt die Prinzessin bei einer Anhörung zum sexuellen Missbrauch und Tötungsversuchen in der Kindheit aus. Ihr inneres Kind rutscht in den früheren Gefühlszustand des missbrauchten, verlassenen und verratenen Kindes zurück. Durch eine weitere Traumatisierung ist ihr inneres Kind im Modus des Schattenkindes. Die moralische Instanz in ihr hebt den Finger und droht, dass sie Schuld ist am Zerbrechen der Familie, weil sie nicht die Zähne zusammengebissen habe und das Wohlfühlleben der Eltern beschädigt hatte. Das Selbstwertempfinden des inneren Kindes wurde zerstört.

Dann kommt im Mai 2019 offiziell und von staatlicher Seite die Anerkennung der Taten. Dieser Tag war wie der Kuss des Prinzen – es war ein Freispruch meiner Seele.

1. „Dornröschen war ein schönes Kind, schönes Kind, schönes Kind. Dornröschen war ein schönes Kind, schönes Kind.“

Ich war das Wunschkind meiner Mutter und wurde regelrecht inthronisiert und gegen meinen Vater in Stellung gebracht.

2. „Dornröschen, nimm dich ja in acht, ja in Acht, ja in Acht. Dornröschen nimm dich ja in Acht, ja in Acht.“ Um ihre heile Welt aufrechtzuerhalten, spielte meine Mutter ein doppeltes Spiel: sie ließ mich durch meinen Vater bestrafen und rannte dann als „Retterin“ herbei. Sie „hämmerte mit Worten und Taten“ in mich hinein, dass alles nur zu meinem Besten geschähe, und dass sie alles nur aus Liebe zu mir tat. Verrat, der sich durch meine gesamte Kindheit zog. Therapeuten haben versucht, mich aus diesem Dilemma herauszuholen, sie versuchten mir zu erklären, welch doppeltes Spiel meine Mutter – meine Königin mit mir spielte. Aber es gelang ihnen nicht, weil meine Königin perfekt manipulierte.

3. „Da kam die alte Fee herein, Fee herein, Fee herein. Da kam die alte Fee herein und sprach zur ihr.“

Die narzisstische Persönlichkeit meiner Mutter sprach zu mir: „…

4. „Dornröschen, schlafe hundert Jahr, hundert Jahr, hundert Jahr. Dornröschen, schlafe hundert Jahr und alle mit!“ … ich tue alles zu deinem Besten. Alles geschieht aus Liebe zu dir. Alle Menschen, die dir helfen wollen, führen Böses im Stillen, du kannst nur mir vertrauen…, nur ich weiß, was gut für dich ist…“ (wie Kaa, die Schlange im Dschungelbuch)

5. „Da wuchs die Hecke riesengroß, riesengroß, riesengroß, Da wuchs die Hecke riesengroß um das Schloss.“ Die Jahrzehnte vergingen, und ich erkannte das falsche Spiel meiner Mutter nicht.

6. „Da kam ein junger Königssohn, Königssohn, Königssohn.“ Da kam ein junger Königssohn, sagte leis: Der 4. Januar 2019. Steht symbolisch für mein Erwachen aus dem Albtraum. Das Erkennen, wie stark ich instrumentalisiert wurde.

7. „Dornröschen, holdes Mägdelein, Mägdelein, Mägdelein. Dornröschen, holdes Mägdelein, wache auf!“ Die Anwälte aus der Anhörung überzeugten mich, meinen Eltern entgegenzutreten und Antrag nach dem OEG (Opferentschädigungsgesetz) zu stellen, um mir selbst eine Stimme zu geben.

8. „Dornröschen wachte wieder auf, wieder auf, wieder auf. Dornröschen wachte wieder auf, wieder auf.“ Ich wurde endlich selbstwirksam.

9. „Sie feierten ein großes Fest, großes Fest, großes Fest. Sie feierten ein großes Fest, Hochzeitsfest.“ Ich habe mein inneres Kind umarmt und beschütze es jetzt.

10. „Und wenn sie nicht gestorben sind, gestorben sind, gestorben sind. Und wenn sie nicht gestorben sind, leb´n sie noch.“ Seit meinem inneren Freispruch mache ich jeden Tag Heilungserfahrung – vielleicht gelingt es mir, Vertrauen zu Menschen aufzubauen und mir selbst vertrauen zu können.
Diese Heilungserfahrungen, die ich mit meinem Hilfesystem aufarbeite, tun mir gut und haben letztendlich die Ablösung von meinem Tätersystem ermöglicht. Diese Erfahrung habe ich noch nie gemacht und sie zeigt mir, wie wichtig Hoffnung ist und der Glaube daran, dass alles, was kommt, besser wird als das, was war. Hoffentlich ermöglicht meine Parabel ebenfalls Betroffenen Hoffnung zu schöpfen, niemals aufzugeben und den Glauben an das eigene fröhliche innere Kind nie zu verlieren. Denn es ist da, es gehört zu uns seit unserer Geburt und gibt uns Kraft und Zuversichtlichkeit und Neugier auf unser Leben.