Autor:in: Heike Oldenburg

Tiere, Früchte, Selbstheilung – „Die Leute sagen, ich soll positiv denken. Aber sie verstehen das nicht.“¹

 

„Man kennt seine Frau ein Leben lang, aber man kann nie voraussagen, was sie tun wird, mein Sohn.“2 Auch eine Mutter kennt mensch ein Leben lang und kann ebenso vor Überraschungen nie sicher sein.

Bei dieser Familiengeschichte, in Ich-Form von dem Schweizer Pirmin Beeler erzählt, weiß mensch zu Beginn nicht, wo das Reden enden wird. Mit der Ankündigung der Flugreise in den Südwesten der Türkei beginnt die Graphic Novel und sie endet mit dem Rückflug. Der Autor besucht in einem kleinen kurdischen Dorf seine dort mit ihrem Ehemann Ali lebende Mutter. Sie hat viele, viele Katzen (S. 16) und zwei Ziegen – „Heidi“ gibt täglich frische Milch. Die an die eigene Mutter angelehnte Figur Anne hat Ali an der Kasse im Supermarkt in der Schweiz kennengelernt. Beide versuchen in seinem Ursprungsdorf neu anzufangen. Altmodische Funkgeräte helfen („KRRCHK“, S. 46), sich zwischen Olivenhain und Küche gut zu verständigen.3

Wichtig finde ich, dass die Mutter sich trotz aller Ängste „zufrieden“ (S. 40) fühlt. Mit einem Versuch zufrieden sein zu können, ist sehr wichtig in unserer Welt. Unsicherheit und Instabilität sind heute prägende Sozialerfahrungen. Diese Unsicherheiten werden durch Tagesschau etc. oft vergrößert. Anne fühlt sich vom Tagesschausprecher beschimpft („Schlampe“, S. 36). Sie bezeichnet sich als „Abenteurerin“. Das gefällt dem Sohn: „Das hört sich schön an.“ Gleich im nächsten Panel bittet sie den motorradfahrenden Ali vom Beiwagen aus: „Nicht so schnell!“ (alle S. 41) Erfolgreiche Abenteurer sind nicht leichtsinnig. Es gibt einen Rückblick: Nach der Geburt des Sohnes war Anne ein Jahr lang in der Klinik gewesen. Ihr erster Ehemann, der Vater des Autoren, konnte als ehemaliger Matrose Unwetter und die unausgesprochenen Ängste der Seeleute nur hinnehmen. Sie geschahen. Ebenso konnte der Vater nie diese sprachlose Krise seiner Frau verstehen. Der damalige Arzt der Mutter hatte Krisen von Patient:innen „mit einem Segelboot“ (S. 80) verglichen. „Der Patient muss Bescheid wissen über die Tiefe des Kiels“, um zu „lernen, sein Boot zu navigieren.“ (S. 82/3) So kann sie/er eher sich selbst helfen. Wie gut es tut, dass dieser Arzt auf Selbstständigkeit der Patientin bedacht war! Der Versuch des Vaters, Anne zu verstehen, schlug fehl. Dies ist sehr schön verfremdend ausgedrückt in dem rohen, blattlosen Wald, der Anne hinter der Zimmertür umgibt. Zwischen dem „Klopf Klopf“ (S. 97) von rechts und der in der Bildmitte stehenden, „stabil[en]“ (S. 97) Anne steht wie eine Barriere ein großer schiefer Baumstamm. Die Eltern trennten sich schon früh. Die Mutter möchte weder reden noch aufschreiben, was in ihr ist. Sprachhandlungen sind Veränderungen4 – wenn das Sich-Ausdrücken denn geht.

Der Sohn/Autor hat nach der Malerlehre Psychiatriepfleger gelernt, was er noch heute in Teilzeit ausübt. Als solcher konnte er in derselben Klinik den Alltag kennenlernen. Wollte er seine Mutter besser verstehen? Ihr häufiges Weinen hat sie nie erklärt, nur weggewischt. Achtsamkeitstraining wird als ein wichtiger Heilungsaspekt beschrieben: Aufmerksamkeit auf einen stillliegenden Apfel lenken, um einen gelassenen Zustand zu erreichen. („Sich auf den Moment einlassen, ohne zu werten.“, S. 65) Innere Ruhe findet Anne, indem sie sich auf das Leben mit den Geistern und Dämonen im Dorf einlässt. Ein Bauer grüßt z.B. die Schutzengel auf seinen Schultern während des Ackerbearbeitens, indem er den Kopf ständig nach links und rechts bewegt. Der Kontakt mit Geistern klingt mühsam für mich. Aber der Gaube, dass „der Heilige Antonius“ (S. 31) hilft, beruhigt Anne. Die atmosphärisch weiträumigen ruhigen Zeichnungen in milden Aquarell-Farben sprechen oft für sich. Als der Sohn heimfliegt, erzählt Anne, dass ein Vogel in der Wohnung „komisch“ (S. 108) im Kreis geflogen sei und gar keinen Ausgang habe finden können – oder wollen? Schließlich habe er es doch geschafft. So endet auch das Buch mit einem ganzseitigen Panel mit dem bereits leeren Himmel über dem großflächigen Flughafen. Das Ende ist so offen wie das Leben …

Heike Oldenburg, Juli 2021

Pirmin Beeler, Hat man erst angefangen zu reden, kann alles Mögliche dabei herauskommen, 112 Seiten, farbig, Klappenbroschur, Zürich 20181


1: S. 13, Alle Seitenzahlen sind aus dem Buch.
2: Miller/Romito Jr., Superman, Das erste Jahr, Bd. 1, Stuttgart 2019?, S. 59
3: Sehr allgemein-menschlich auch: dass trotz des seltenen Schnees in der Region ein Schneemanngebaut wird. (S. 54)
4: Im Jahr 1955 hielt John L. Austin an der Harvard-Universität eine Vorlesungsreihe mit dem Titel How to Do Things with Words, postum 1962 veröffentlicht; 1972 dt. Zur Theorie der Sprechakte. Wesentlich verantwortlich für die Verbreitung sprechakttheoretischer Ideen ist das von dessen Schüler John Searle 1969 veröffentlichte Buch Speech Acts, in dem Einiges von Austins Gedanken stärker systematisiert werden.
https://de.wikipedia.org/wiki/Sprechakttheorie , gekürzt H.O., Zugriff 14. September 2021