Autor:in: Jürgen Busch

…und nehmen Sie das nicht persönlich!“ – Ehrlichkeit im Alltag

 

Ob in den Büros, Fabriken, Wohnblocks, im Wohnheim, in Behörden oder sozialen Einrichtungen, überall wo Wünsche abgeschlagen oder Grenzen gesetzt werden und damit subjektives Leid zugefügt wird, benutzen Vermieter, Chefs, Behördenvertreter, Betreuer oder wer auch immer gerne diesen Spruch: „…und nehmen Sie das nicht persönlich!“. Gemeint ist damit: „Es handelt sich um eine Regel oder um einen ganz realen Umstand, der für alle in gleicher Weise gilt und deshalb bekommen Sie gerade jetzt dies oder jenes nicht oder Sie müssen etwas tun, was Sie nicht tun möchten.“

Nun mal logisch: Immer dann, wenn eine begrenzende allgemeine Regel konkret auf einen Menschen belastend angewandt wird, verwandelt sich das Abstrakte ins Konkrete, wird belastend und fügt damit Leid zu. Das kann man nicht leugnen. Es geht nicht darum, ob dies gut oder schlecht, gerecht oder ungerecht ist. Es geht auch nicht darum, dass sich der heutige Verzicht in der Zukunft lohnen wird, erwachsener oder reifer macht, weil Aufschub zu lernen zur Reifung des Menschen auf seinem Lebensweg dazu gehört. Es geht nur darum, dass die Anwendung einer begrenzenden Regel im konkreten Fall erstmal Nachteil und Leid zufügt und damit stets persönlich ist. Das Weg-Objektivieren-Wollen oder gar -Müssen hat aber einen Sinn:

Sinn des merkwürdigen, sofort unstimmig stimmenden Spruches ist es, persönliches Leid zu vermeiden, obwohl es vorhanden ist. Was aber doch gar nicht geht. Und warum? Der, der das sagt, will den Kummer und die Kritik an der Einschränkung, die er gerade durchzusetzen hat, nicht persönlich abbekommen und seinerseits darunter leiden. Solche vom persönlichen Leid ablenkenden auf scheinbar Objektives verweisende Sprüche haben oft die Funktion, bestehende Machtverhältnisse und ihre persönlich leidbringende Rolle zu verschleiern und Betroffene fühllos zu machen, damit sie aushalten, statt ihren Schmerz zu äußern. Zwei Gruppen in der Gesellschaft machen das gerne, einerseits Techniker und Naturwissenschaftler (“engineering”), die notorischen Linkshirner, und andererseits Politiker, Juristen und Sozialberufe (“social engineering”), die beide Interessen durchzusetzen und dies, um möglichst wenig subjektiven Widerstand zu erzeugen, bzw. es zu bemänteln haben.

Nun ist es natürlich Unsinn, etwas nicht persönlich nehmen zu sollen, was einem etwas vorenthält, wo ein Wunsch durch eine gesetzte Grenze vereitelt wird oder wo eine unangenehme Pflicht auferlegt wird. Man erkennt das sehr leicht am gegenteiligen Vorgang: Stellen Sie sich zum Beispiel vor, Sie sind erwerbsunfähig und haben einen Rentenantrag gestellt; Sie haben Existenzangst, weil Sie nicht wissen, ob Sie die Rente bekommen oder wie viel. Dann kommt der Bescheid und Sie freuen sich, dass Ihre finanzielle Zukunft wenigstens ein Stück weit jetzt auch ohne die Arbeit sichergestellt ist, die Sie aus Krankheitsgründen nicht mehr ausüben können. Und nun kommt so ein objektivierender Geist und sagt Ihnen: Das dürfen Sie nicht persönlich nehmen, freuen Sie sich nicht über die Rente, es handelt sich um einen ganz objektiven Vorgang, der nichts mit Ihnen persönlich zu tun hat. Ihre Umstände erfüllen die gesetzlichen Voraussetzungen usw., ganz real und unpersönlich. Das macht natürlich keiner. Sie können daran erkennen: Die Formel „Nehmen Sie es nicht persönlich“ wird immer zur Ablenkung von zugefügtem Leid eingesetzt. Geht es um positive Gefühle, wie jene, sich über eine erhaltene staatliche Leistung zu freuen, dann kommt niemand auf die Idee, Ihre Gefühle neutralisieren zu wollen. In beiden Fällen, in dem belastenden und in dem gewährenden Fall, handelt es sich um „objektive“ Regeln, die schon in der Welt sind, unabhängig davon, ob ich auf der Welt bin oder nicht. Aber in dem Moment, da sie auf mich angewendet werden, kommt die Schere im Kopf: Setzt man mir eine Grenze, soll ich es nicht persönlich nehmen, mich nicht grämen. Bekomme ich etwas, darf ich mich durchaus freuen, ja ich gelte als undankbar, wenn ich mich nicht freue. Haben Sie schon mal versucht, sich objektiv zu freuen oder unpersönlich dankbar zu sein?

Spinnen wir den Gedanken noch weiter, wie persönlich die Dinge immer sind und unabweisbar emotional alles in unserer Welt ist. Sie gehen mit der Rente in den Laden einkaufen und Sie suchen was Ihnen schmeckt. Der objektive Geist tritt neben Sie und sagt: „Das dürfen Sie nicht persönlich nehmen, Ihre Rente ist ganz objektiv, das Essen soll nicht schmecken, sondern nur objektiv ernähren. Also freuen Sie sich nicht aufs Essen.” Spielverderber! Sie sitzen vor Ihrem Essen und der objektivierende Ungeist sagt, „das sollte gar nicht schmecken, es handelt sich um etwas Unpersönliches, weil die Realität nun mal ist, dass alle Menschen essen müssen. Und das Essen besteht nur aus biologischen Teilchen.”. Und wenn Sie später wieder ausscheiden, kommt der Geist auch und sagt: „Das ist ganz unpersönlich- die Rente, die Ihnen das finanziert hat und Ihr Kauen und Verdauen, die Ihnen das eingebrockt haben, sind ganz objektiv.”. Sie sehen, wie absurd die Formel davon ist, es habe gar nichts mit uns zu tun. Alles hat mit uns zu tun.

Die Lehre davon, es sei unpersönlich zu nehmen ist dumm, aber nicht im Sinne von unvernünftig, denn hier geht es gar nicht um Vernunft, sondern um die andere Seite unseres Gehirns, die rechte, emotionale: es ist emotional unintelligent, den einheitlichen Menschen auf seine linke, rationale Gehirnhälfte beschränken zu wollen und ihm die emotionale Seite, die doch immer gleichberechtigt mit da ist, austreiben zu wollen.

Vieles hat persönliche Wirkung auf uns, das ursächlich nicht persönlich auf Einzelne zielte. Aber die Aussage: „Nehmen Sie das nicht persönlich” verleugnet den Kollateralschaden, den abstrakte Maßnahmen konkret beim Einzelnen haben und das in einem Umfeld, in dem es oft heißt, das Maß aller Dinge sei der Mensch oder wir helfen hier und jetzt.

In einer Gesellschaft, für (die) seelische Gesundheit Programm ist oder werden sollte, haben solche Abstraktionsaussagen Nichts zu suchen. Jede sachlich noch so notwendige Überlegung und Maßnahme gehört auf ihre Auswirkung auf Klienten und Mitarbeiter mituntersucht und entsprechend eingerichtet und abgefedert, denn ein Betrieb ohne Psychologie ist ein seelenloser Funktionskasten. Wer Psychiatrie ohne Psychologie möchte, sollte prüfen, ob er oder sie sich innerlich in der Veterinärmedizin befindet (die armen Tiere).

Sachlich notwendige Maßnahmen können nicht persönlich erträglich gemacht werden, in dem man sie als “unpersönlich” steril und unkritisierbar ausgibt; nach dem Motto: Alternativen: keine. Vielmehr müssen sie seriös und ausführlich, die Adressaten ernst nehmend begründet und in ihren durchaus persönlichen Auswirkungen angeschaut und ggf. modifiziert werden. Dann fühlt sich der betroffene Mensch gesehen und kann Einsicht in die Notwendigkeit nehmen. Ohne den Diskurs führen “neutrale Maßnahmen” erfahrungsgemäß in die Reaktanz.

Wenn das nächste Mal Ihr Nachbar, Chef, Behördenvertreter, Betreuer oder wer auch immer zu Ihnen sagt, Sie möchten das nicht persönlich nehmen, er versage Ihnen zwar etwas, aber es habe nichts mit Ihnen, sondern nur mit der objektiven Welt der Regeln zu tun, dann dürfen Sie ihm getrost sagen, dass das ein durch und durch dummer Spruch ist und er möchte diese Bewertung doch bitte nicht persönlich nehmen, denn diese Dummheit ist offenkundig vernünftig erkennbar. Berufen Sie sich gern auf mich und fragen Sie, wo geschrieben steht, dass die linke Hirnhälfte mehr zu sagen hat als die rechte.