Autor:in: Sascha Heuer

Wie geht es weiter mit der Psychiatrie in Bremen? / ein Bericht aus dem Büro des Gesundheitssenators

 

Manchmal denkt man vielleicht, es macht sich gar kein Mensch Gedanken darüber, wie es um die Psychiatrie in Bremen steht. Und schon gar keiner, der oder die etwas zu entscheiden hat. Dem ist aber nicht so. Es wird gebrütet und geredet und geschrieben und beraten. Und es werden Papiere veröffentlicht, die den Stand der Diskussion zusammenfassen. Ein Papier heißt:

„Weiterentwicklung der Psychiatriereform in Bremen – ein gesundheitspolitisches Zukunftskonzept!“
… geschrieben von Mitarbeitern der senatorischen Behörde für Gesundheit.

Was steht in diesem 12seitigen Bericht?
Zunächst all das, was nicht gut läuft. Zum Beispiel:

1. Eigentlich sollte es eine Versorgung „aus einer Hand“ für den einzelnen Menschen geben. Realität sei aber häufig ein Nebeneinanderher von Krankenversicherung, Rentenversicherung, Sozialamt, Jobcenter, Klinik, Sozialpsychiatrischem Dienst, niedergelassenen Ärzten, Betreutem Wohnen, Rechtsbetreuern und manchmal noch mehr. Daraus entstünden vielfach „Brüche in der Versorgung sowie langwierige und gleichzeitig ineffiziente Behandlungsprozesse“.

2. Immer noch gebe es zu viele Krankenhausbetten in der Psychiatrie in Deutschland und besonders in Bremen, die auch sehr viel genutzt würden.

3. Es entstehe eine 2-Klassen-Psychiatrie. Gut ausgestattete Rehakliniken auf der einen Seite und immer schlechtere Bedingungen in der Normalpsychiatrie. Dieses führe dazu, dass sich die Behandlungsqualität für die Menschen mit schweren und akuten Erkrankungen verschlechtere.
4. Die ambulante Versorgung habe sich inzwischen so professionalisiert, dass ein geschlossenes Hilfe-System entstanden sei. Dieses habe den Vorteil, dass es viele Hilfen gebe. Der große Nachteil sei aber, dass eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft kaum statt fände; das heißt, Inklusion existiere kaum. Außerdem sei dieses Hilfesystem marktwirtschaftlich organisiert. Es gäbe eine Konkurrenz der verschiedenen Anbieter und Träger, die um die Klienten buhlen und diese an sich binden wolle. Das habe zur Folge, dass der Klient nicht unbedingt das beste Angebot für ihn bekäme, sondern nur das beste Angebot, das der federführende Träger anbieten könne. Zusätzlich könne der Anbieter nur Geld verdienen, wenn es den Klienten schlecht ginge. 
„Ein solches System gewinnt am Kranksein seiner Patienten und verliert an deren Gesundung,“ steht in dem Papier geschrieben.

Und wie soll es besser werden?

Dazu werden verschiedenen Vorschläge gemacht und Dinge aufgelistet, die bereits am Laufen sind oder demnächst umgesetzt werden sollen:

a. Die klinische Versorgungssituation der schwer und chronisch kranken Menschen soll verbessert werden. (Es steht in dem Papier nichts davon, wie dieses geschehen soll.)

b. Es soll eine neue Station für Jugendliche und junge Erwachsene geschaffen werden.

c. Betten in der Klinik sollen abgebaut werden und dafür die Möglichkeit geschaffen werden, Menschen in der Krise „stationsäquivalent“ zu Hause betreuen zu können.

d. Ausgebildete Genesungsbegleiter (Ex-In) sollen nicht nur in Bremerhaven sondern auch in Bremen klinisch arbeiten.

 

e. Geplant ist ein Modellprojekt für die psychiatrische Versorgung in Bremerhaven. Dort soll es multiprofessionell zusammengesetzte Teams geben, die eine möglichst vielfältige Hilfestellung ermöglichen sollen: komplexe ambulante Behandlung, Rückzugshaus, Krisenintervention und Psychotherapie.

f. Insgesamt eine Stärkung der ambulanten Versorgung, die in den Kliniken Nord und Ost mit dem Programm „Home Treatment“ erreicht werden soll.

g. Ausbau von Arbeit und Beschäftigung für Menschen mit psychischen und Suchterkrankungen. Hier soll ein neuer Leistungstyp „Betreute Beschäftigung“ geschaffen und die Zuverdienstmöglichkeiten verbessert werden.

Abschließend ist zu sagen, dass dieses Papier eine Vorlage für den Bremer Senat (die Bremer Regierung) ist. Beim Fußball wird nicht jede Vorlage, nicht jede schöne Flanke vom Stürmer im Strafraum zu einem Tor verwertet.
So wird dieses Papier auch weiter besprochen und beraten werden, ein neues Papier wird geschrieben und am Ende wird etwas beschlossen (das dann vielleicht aber nur bei genügend Goldmünzen im Geldbeutel der Bremer Finanzministerin umgesetzt wird) oder teilweise. Wie auch immer, wir werden Sie dazu auf dem Laufenden halten.

Anmerkungen
zum Bericht „Weiterentwicklung der Psychiatriereform“
von Jürgen Busch (Kleine Juristische Werkstatt des ASB)

zur Forderung nach besserer Vernetzung und Kontinuität:
„Die geeignete Stelle für eine solche Verankerung der Klienten ist der SPsD, der aber ganz anders ausgestattet sein müsste als heute. Seine Zusammenlegung mit den Integrationsfachdiensten wäre sinnvoll. Mir fällt immer wieder auf, dass Fachleute in einem Teilsystem der Psychiatrie kaum Wissen von andern Teilsystemen haben. Das ist für Klienten schädlich.“

zu der Forderung „Menschen mit dem höchsten Hilfebedarf sollten Anspruch auf die meiste Hilfe haben.“ und der Kritik an der besseren Ausstattung der Psychosomatik:
„Die fachliche Vorgehensweise ist beim Übergang von einer Verwahr- zu einer echten Behandlungspsychiatrie sehr zu begrüßen. Doch auch Menschen mit akuten und chronischen psychischen Erkrankungen brauchen diagnostische und therapeutisch hochwertige Angebote. Stattdessen scheint die Akutpsychiatrie daran festzuhalten, dass Psychosen hauptsächlich mit Medikamenten aber kaum psychotherapeutisch bzw. beziehungsdynamisch behandelt werden können. Außerdem ist der Umgang mit persönlichkeits- und traumagestörten Menschen weiterhin mangelhaft.“

zur Kritik am marktwirtschaftlichen Prinzip in der ambulanten Versorgung:
„Diese Passage zeigt keine Perspektive auf. Die einfache Frage ist nicht gestellt, warum nicht allen Anbietern die Auflage der Gemeinnützigkeit gemacht wurde und das Experiment nicht gewagt wurde, ob sich dann stabile Anbieter fänden.“

zur Frage der Qualitätssicherung in der Psychiatrie:
„Eine Folge des gegliederten Systems ist, dass jeder Kostenträger und Anbieter seinen Bereich im Rahmen der überschaubaren Wirtschaftlichkeit betrachtet. Das Hin- und Herschieben von Klienten zwischen Kranken- und Rentenversicherung ist hierfür ein Beispiel. Was wir brauchen ist eine evaluative Begleitforschung, die Zeiträume von ein bis zwei Jahrzehnten und nicht das Überwinden kurzfristiger Krisen als Maßstab von Behandlungswirksamkeit ins Auge nimmt.“

zur Beteiligung von Betroffenen:
„Es müssen überall, wo Betroffene über einen längeren Zeitraum zusammen sind (z.b. Tagesstätte, Arbeit und Beschäftigung) demokratische Interessenvertretungen geschaffen werden. Und:
Als Erweiterung der Unabhängigen Patientenberatung sollte es eine “Stelle für ordentliche Psychiatrie (STOP)” geben, die mit qualifiziertem Personal auf die Beschwerden von Menschen in schwierigen psychischen Situationen reagieren kann.“