Autor:in: Sascha Heuer

Medikamentenkunde – Neuroleptika

 

Neuroleptika stellen die Medikamentengruppe dar, mit der es die Menschen im ambulant psychiatrischen Leben sehr häufig zu tun haben. Neuroleptika sollen bei Psychosen helfen, sowohl im akuten Moment als auch in der Dauermedikation zur Verhinderung eines neuen Schubes.

Manche halten diese Medikamente für Teufelszeug, die nicht wirklich helfen, höchstens Symptome unterdrücken, den wahren Kern der Psychose verdecken und damit der Heilung entgegenwirken und außerdem massive Nebenwirkungen verursachen.
Für andere sind die Pillen oder auch Spritzen ein Segen, eine geniale Erfindung der modernen Medizin, die eine schlimme Krankheit zwar nicht heilt, aber lindert, so ähnlich wie bei Insulin und der Zuckerkrankheit.

Was ist nun die Wahrheit? wollte die Zwielichtredaktion wissen und begann sich zu informieren.

Vereinfacht gesagt ist eine Psychose ein bewusstseinsverändernder seelischer Vorgang, der im Gehirn als biochemischer Prozess stattfindet und der teils gravierenden Auswirkungen auf Wahrnehmung, Gefühle und Verhalten der Menschen hat.

Wie kommt es zu einer solch schweren Krankheit? Fällt sie vom Himmel? Ist sie das Ergebnis traumatischer Erfahrungen?

Lange Zeit ging man in der Forschung davon aus, dass „eine schlimme Kindheit“ in Verbindung mit schwerwiegenden aktuellen Krisen (Trennung, Tod eines nahen Menschen, Arbeitsplatzverlust etc.) zu einer Psychose führt. Nun hat man aber bei genaueren Untersuchungen festgestellt, dass es keinen wesentlichen Unterschied zwischen der Normalbevölkerung und erkrankten Menschen gibt, wie belastend ihre Kindheit verlaufen ist. Heutzutage wird eher davon ausgegangen, dass erkrankte Menschen meistens eine höhere Empfindsamkeit (das Fachwort dafür heißt Vulnerabilität) mit sich bringen, die in Krisensituationen zur Psychose führen kann.
Außerdem kann ein Drogenmissbrauch auch ein Auslöser sein.

Es gibt dabei verschiedene Arten von Psychosen, auf die wir hier aber nicht weiter eingehen. Für uns wichtig ist die Frage des Zusammenspiels zwischen Seele, Gehirn und Medikament. Ein Mensch in der Psychose ist meist mit einem „Zuviel“ beschäftigt. Zuviel an Geräuschen, Gerüchen, Gedanken, Erinnerungen oder Phantasien. Dieses Zuviel kann manchmal beglückend und erhellend sein, oft wird es aber als unangenehm bis bedrohlich erlebt.
Im Gehirn findet sich dieses Zuviel an einer bestimmten Stelle wieder, bei einer Substanz, die Dopamin heißt. Ein Neuroleptikum kann die Ausschüttung des Dopamins senken und das Zuviel wird wieder weniger.

Dieses ist die einfache Darstellung. Die Wirklichkeit (des Gehirns und der Prozesse) ist erheblich vielfältiger.
Wir bleiben aber bei der einfachen Betrachtungsweise, um uns nicht zu verzetteln.

Wenn das Zuviel weniger geworden ist, ist der Mensch in der Regel wieder ruhiger, aber meist auch gedämpfter. Häufig passiert es dann, dass die Menschen sich dann „wie unter einer Glasglocke“ fühlen: Sie kommen nicht mehr wirklich zu sich. Und damit kann es auch schwerer gelingen, die Menschen in Kontakt mit dem seelischen Vorgang zu bringen, der hinter einem psychotischen Schub liegen kann. Manchmal. In einer anderen Situation ist es vielleicht durch die Beruhigung überhaupt erst möglich, wieder klarer im Kopf zu werden, miteinander ins Gespräch zu kommen und die Hintergründe der Psychose zu verstehen. Jeder Einzelfall ist verschieden.

Die Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie (DGSP) kritisiert in ihrem Memorandum, dass tendenziell in Deutschland immer noch zu einseitig in einer psychotischen Krise Medikamente gegeben werden und viel zu wenig Therapie passiere. Und auch in der langfristigen Behandlung würde das „breite Spektrum individueller therapeutischer Möglichkeiten“ vernachlässigt. So sei es in England inzwischen vorgesehen, dass jeder psychotische Patient Verhaltenstherapie und Familientherapie bekommen solle. Gerade bei Ersterkrankten sei „nicht die pharmakologische Intervention, sondern vor allem die psychotherapeutische und psychosoziale Behandlungsqualität von entscheidender Bedeutung.“

Auf jeden Fall wirken Neuroleptika reizabschirmend. Wahrnehmungen werden abgeschwächt und auf Abstand gerückt. Dieses ist häufig auch genauso gewünscht. Allerdings wirken sie meist nur quantitativ, d.h. sie machen etwas weniger. Sie wirken in der Regel nicht auf die Inhalte der Psychose ein. So können sie nicht gezielt Wahnideen von realen Wahrnehmungen unterscheiden und die einen unterdrücken und die anderen dagegen belassen. Dieses können nur die Patienten selber, die mit Hilfe der Medikamente aber manchmal bessere Chancen haben, zu überprüfen, ob ihre Vorstellungen real sind oder nicht.

Also: Neuroleptika können in der akuten Krise helfen; eine gute psychosoziale und/oder therapeutische Begleitung ist aber auch wichtig, manchmal sogar wichtiger.

Und wie sieht es langfristig aus? Und was ist mit den Nebenwirkungen?
Und mit der Minussymptomatik?

Bei einer Psychose gibt es Positiv-Symptome (wie bereits oben beschreiben, das „Zuviel“) und Minus-Symptome (Antriebsarmut, emotionale Verflachung, Rückzug u.a.). Die Minus-Symptome können von den Neuroleptika verstärkt werden, sagt der Patienten-Ratgeber „Umgang mit Psychopharmaka“. In dem “Standard” Fachbuch für psychische Erkrankungen von Matthias Berger wird dieses Thema ausführlich diskutiert. Er kommt letztlich zu dem Schluss, dass die neueren Neuroleptika die meisten Minus-symptome positiv beeinflussen.

Einig sind sich alle bei den Nebenwirkungen. Unstrittig sind die sehr häufigen Probleme mit Dyskinesien (Muskelverkrampfungen), Gewichtszunahmen, Blutbildveränderungen, Dämpfung des sexuellen Empfindens, Mundtrockenheit, Schwitzen und Einiges mehr (wobei das Auftreten bei den einzelnen Neuroleptika sehr unterschiedlich ist).

Wenn also die schädigenden Wirkungen so stark sind, die Minussymptomatik vielleicht ungünstiger wird, sollte man dann nicht auf die langfristige Gabe der Neuroleptika verzichten? Das ist quasi die Frage der Fragen bei den Neuroleptika. Die Meinungen dazu lauten folgendermaßen:

Berger: „70 % der psychotischen Patienten profitieren von einer langfristigen medikamentösen Behandlung, wobei die Nebenwirkungen zum Teil sehr belastend sind. Es gibt wohl eine Minderheit von Patienten (ca. 20 %), die nach einem Absetzen der Medikamente langfristig keine neue Psychose entwickeln. Für die anderen gilt, dass alternative Behandlungen, wie zum Beispiel eine alleinige Psychotherapie, nicht ausreichen.“

Der Patienten-Ratgeber: „Die Einnahme eines Neuroleptikums verhindert bei ca. 50 % der Betroffenen das Wiederauftauchen einer Psychose. Bei den anderen 50% eben nicht. Wegen der Nebenwirkungen und der relativ häufig eintretenden Verringerung der Lebensqualität empfehlen wir eine ausführliche individuelle Beratung über die Vor- und Nachteile der Einnahme von Neuroleptika inkl. der Unterschiede der einzelnen Medikamente und der Dosierung.“

DGSP: „Die Psychiatrie steht in der Pflicht, Reduktionswünsche von Patienten fachkundig zu begleiten. Patienten, bei denen Neuroleptika nachweislich nicht wirken, muss die Möglichkeit eingeräumt werden, unter guter psychosozialer Begleitung die Medikation zu reduzieren und eventuell vollständig abzusetzen.“

Fazit: Langfristig kann ein Neuroleptikum helfen, ein Leben ohne neue Psychosen zu führen, oft aber auch nicht. In jedem Einzelfall ist aber ein gründliches Abwägen zwischen Vorsorge, Nebenwirkungen und Lebensqualität nötig – ausführliche Beratungsgespräche mit dem behandelnden Arzt sollten zum Standard gehören, ebenso eine gute psychosoziale und/oder therapeutische Versorgung.

 

Anhang:

Quellenangabe :
„Umgang mit Psychopharmaka“ – ein Patienten-Ratgeber von Nils Greve,Marget Osterfeld, Barbara Diekmann (Psychiatrieverlag)
„Memorandum zur Anwendung von Neuroleptika“ der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie (DGSP)
„Psychische Erkrankungen“ von Matthias Berger (Urban & Fischer Verlag/Elsevier GmbH)

Alte/neue Neuroleptika und die Wahrheit der Zahlen

Neuroleptika, die in Bezug auf motorische Störungen und Minussymptome günstiger sind als die herkömmlichen Präparate, werden als „atypisch“ bezeichnet. Es sind u.a. Leponex, Risperdal, Zyprexa, Seroquel, Solian und Abilify. Die „typischen“ Alten sind Haldol, Fluanxol, Atosil, Imap oder Neurocil. Allerdings gibt es bei den Atypika meist mehr Probleme mit der Gewichtszunahme.
Die Wirkung der verschiedenen Medikamente auf den einzelnen Menschen ist unterschiedlich. Auch wenn es statistisch gesehen eine bestimmt Tendenz gibt, wie ein Neuroleptikum wirkt, ist jeder Mensch einzigartig in seiner Art und Weise und auch der Art, wie er ein Medikament verträgt und welche Wirkung es auf ihn hat.
In der Regel sind die Atypika viel teurer als die Typika. Deshalb steht immer wieder der Verdacht im Raum, die vermeintlich bessere Wirksamkeit sei nur durch von der Pharmaindustrie finanzierte Studien belegt. Deshalb gab es 2005 in den USA das CATIE-Projekt, eine der wenigen unabhängigen Studien renommierter Wissenschaftler. Im Memorandum der DGSP steht dann auch in einem Satz: „…kam es durch die CATIE-Studie zu einer ernüchternden Neubewertung der Atypika“.
Bergers Fazit zu CATIE lautet (nachdem er das Für und Wider der Studie ausführlich darstellt und diskutiert): „Wahrscheinlich ist, dass mit modernen Neuroleptika die Therapie besser gelingt. Es bedarf allerdings weiterer Forschung.“. An diesem Beispiel wird deutlich, dass der Umgang mit Studien und Zahlen immer kompliziert ist und bleiben wird. Da sie aber häufig die Grundlage für Diskussionen und Meinungen sind, ist auch alles, was in diesem Artikel steht, immer nur eine relative Wahrheit, da wir nie sicher sein können, inwieweit Forschungen, Studien und Schlussfolgerungen in einem solch komplexen und schwierig zu greifenden Bereich auch nur modische (oder schlimmstenfalls manipulierte) Momentaufnahmen sind.

 

Absetzempfehlungen

Der Patientenratgeber beschäftigt sich ausführlich mit dem Thema „Absetzen“. Der Grund ist naheliegend. Viele Patienten haben mit den Nebenwirkungen zu tun und fühlen sich gleichzeitig stabil. Der Gedanke liegt nahe, es dann ohne Neuroleptikum zu probieren.
Der Ratgeber gibt dabei folgendes zu bedenken:
Das Psychose-Risiko hänge zum Einen von der Empfindlichkeit (Vulnerabilität) ab, die sich erstmal nicht ändern lasse. Zum Zweiten von schwierigen Situationen im Leben. Diese können ungelöste Konflikte, Stress, belastende Beziehungen und noch einiges mehr sein. Wer also darüber nachdenke, keine Neuroleptika mehr zu nehmen, solle dieses nur tun, wenn er möglichst mit keinen solch schwierigen Dingen zu tun hat.
Ein Absetzversuch sollte möglichst mit mehreren Menschen diskutiert werden. Menschen, die einen gut kennen, können vielleicht ein guter Ratgeber sein, ob man diesen Weg gehen kann.
Das Absetzen selber sollte in möglichst kleinen Schritten vor sich gehen. „Wir haben sehr oft erlebt, dass Menschen mit Psychose-Erfahrung durch abruptes Absetzen der Medikamente in eine neue Psychose geraten sind.“
Die Dosis sollte in einem Schritt um maximal 10 % des Ausgangswertes verringert werden und frühestens nach vier Wochen sollte der nächste Schritt erfolgen. Dabei sollte immer genau darauf geachtet werden, ob Symptome wie Schlafstörungen, geringere Konzentrationsfähigkeit, Reizüberflutung, Rückzugstendenzen oder stärkere Ängstlichkeit auftauchen. Sei dieses der Fall, wird empfohlen, vorübergehend wieder zu einer höheren Dosis zurückzukehren.
Wichtig sei vor allem auch, sich nicht auf das Ziel einer Neuroleptikafreiheit zu versteifen. „Probieren Sie aus, wie weit Sie reduzieren können und akzeptieren Sie das Ergebnis.“