Autor:in: Sera Fine

Buchauszug: Erdlandung – Die wahre Geschichte einer Seelenreise 

 

Von der Rückseite des Buches:

L587 berichtet seiner Einsatzzentrale vom Zustand des Planeten Erde, während er ein irdisches Wesen (mich) durch dessen dunkelste Zeiten begleitet. Zum Beispiel, auf welche Schwierigkeiten die gegenpolaren männlichen und weiblichen Wesen stoßen bei ihren Versuchen, genug Geldmittel zu erwerben und sie sich nicht gleich wieder aus der Tasche ziehen zu lassen. Wie dunkel-magische Substanzen Erleichterung schaffen sollen, aber alles nur schlimmer machen. L587 ist angestrengend, schlaumeierisch, aber voller guter Absichten. Und fest entschlossen, S307, der über sein Wirken wacht und einen detaillierten Bericht einfordert, nicht zu enttäuschen. Auch, wenn das ihm schutzbefohlene Erdwesen in Seelennöte gerät, aus die es kaum wieder herauszufinden scheintt. Nicht zuletzt auch wegen ihm. Mit L587 kommt ein Wesen zu Wort, das in der Psychiatrie unerwünscht ist, obwohl es doch die Rettung des Planeten aus dem Würgegriff der schwarzen Schlange und die Befreiung aller versklavten Wesen plant.

 

Über die Autorin:

 

Sera Fine ist das Pseudonym einer 1969 geborenen Künstlerin, die mit Rücksicht auf ihre Familie und einigen Personen, die in „Erdlandung“ kritisch beschrieben werden, anonym bleiben möchte. Nach einem Berufseinstieg als Fremdsprachensekretärin in einer Maschinenbaufirma und anschließender Tätigkeit im Auswärtigen Dienst, nahm S.  ein  Studium  der  Anglistik  und  Germanistik  auf.  Welches  dann,  nach  Auftreten einer ersten schweren Krise, der weitere folgen sollten, abgebrochen wurde. „Erdlandung“ ist die wahre Geschichte ihres Ringens um ein erweitertes Verständnis für die seelischen Phänomene, die ihr Leben prägen und ein Zurückfinden in die Normalität, in  der  dieses  Verständnis  schließlich  Platz  finden  soll.  Geschildert  wird  der  innere Prozess  eines  seelischen  Ausnahmezustandes,  wie  auch der  gesellschaftliche  und schließlich globale Zusammenhang, in dem er steht, und zwar aus Sicht des fiktiven Aliens L587. Derzeit unterstützt S. Initiativen anderer Engagierter, die sich zum Beispiel für die Einrichtung von Frauen- und Männerstationen in psychiatrischen Kliniken einsetzen.

 

 

ΙΗ Behandler

 

Während  das  Stationspersonal  fleißig  über  S.  berichtet  und  dokumentiert, beobachtet S. mit jedem weiteren Klinikaufenthalt immer genauer diese Lebenseinheiten, die sie behandeln, bewerten und reglementieren dürfen. Ihre Verunsicherung ist groß und das Erkennen der Spielregeln, die ein Zurechtfinden in so einem Umfeld ermöglichen,  sehr  wichtig.  Es  gilt,  möglichst  schnell  herauszufinden,  welcher Behandler Hilfe leisten wird, wenn S. darum bittet, und welcher Behandler genervt, vielleicht  sogar  beleidigend  reagieren  wird.  Behandler,  die  sich  zum  Beispiel  ewig Zeit  lassen  werden,  bis  das  Badezimmer  für  ihr  Morgenbad  aufgeschlossen  wird.

Während man da in seinem Bademantel allen im Weg zu stehen scheint.

  1. hat nun einmal eine dünne Haut und versucht zu vermeiden, sich kaltschnäuzige Antworten einzufangen.  Das  ist  aber  nicht  immer  einfach.  Die  eine  Pflegerin bietet einen Badezusatz an, mit Eukalyptusduft: „Der wird ihnen sicher guttun, genießen sie ihr Bad mal richtig schön“. S. nimmt den gerne an. Eine andere Pflegerin in der Schicht einige Tage später, wird, auf den Badezusatz angesprochen, S. erklären:

„Wir sind hier kein Hotel, und Badezusätze gibt es nicht“.

Mit den Pflegewesen hat der Realitätsflüchtige am  meisten zu tun, sie begleiten und leiten häufig auch die Morgenrunden. Angenehm ist das Kumpelwesen, das mit Realitätsflüchtigen redet wie mit Freunden und viel aus seinem Privatleben erzählt. Man muss keine Angst vor ihm haben. Sollte aber nicht zu überrascht sein, wenn ihm Anvertrautes  in  Besprechungsrunden  und  schließlich  in  der  Krankenakte  landet.

Dann gibt es das Pflege-VIP, das sich wie ein Star unter Bewunderern bewegt. Man darf es nicht einfach so für irgendwelche profane Gefälligkeiten heranzuziehen versuchen.  Es  wird  sich  sicher  nicht  dazu  hergeben,  das  Erbrochene  einer Zimmernachbarin zu beseitigen. Wie es wortlos, mit hochgezogenen Augenbrauen zu verstehen gibt. Es ist unnahbar, greift aber auch nicht unvermittelt an.

Anders als das humorlose, sehr zackige Pflegewesen. Mit dem kann man nur auskommen, wenn man bereit ist, sich an seinen oder ihren Kasernenhofton zu gewöhnen. Immerhin fühlt es sich zuständig, jeden Missstand auf Station sofort zu beseitigen, oder zumindest beseitigen zu lassen. Wenn auch nicht ohne harsche Ansprache, falls für den Missstand ein Schuldiger auszumachen ist. Einige dieser militärisch auftretenden Wesen erlebt S. als um einiges aggressiver als die vermeintlich gefährlichen Wesen, die sie betreuen.

Das hochgradig aggressive Pflegewesen scheint ständig kämpfen zu wollen, und zwar besonders gerne mit einem Wesen wie S. Das Provokationen sehr kränkt, sich aber  nicht  so  schnell  zu  wehren  traut.  Ein  schnippischer  Kommentar  kann  aber manchmal  nicht  zurückgehalten  werden.  Was  zwar  nicht  gleich  drakonische  Maßnahmen  nach  sich  zieht,  aber  bedeutet,  dass  man  dieses  Pflegewesen  jetzt  wie einen Schatten an sich kleben hat. Man denkt an nichts Böses, während man den Gang  zum  Aufenthaltsraum  entlangschlendert,  und  da  kommt  es  aus  dem  Nichts geschnellt und bellt los.

Es ist wie bei diesen Spaziergängen in den kleinen Gärten an ihrer Wohnung, wo sie gerne, den schönen Sommertag genießend, die schmalen Wege entlangspaziert.

Und nicht selten plötzlich direkt neben ihr eine wütende Dogge 34  loskläfft. Nur, dass es hier keine Hecke mit Zaun gibt. Dauernd scheint dieses Wesen ihr sagen zu wollen: „Du bist hier gar nichts, kapiert!“ S. hat auch Vorgesetzte gehabt, die sich ähnlich verhielten.  Sie  registriert,  das  Pflegewesen  unter  Realitätsflüchtigen  kann  sich  das Gebaren eines cholerischen Konzernchefs erlauben.

Kommt ein ebenfalls hochgradiger aggressiver, männlicher Neuzugang, ist dieses Pflegewesen oft nicht zu sehen. Nur wenige legen es darauf an, einen noch nicht mit klinischer  Substanz  beruhigten  Neuzugang  zu  provozieren.  Aber  einige  tun  es  tatsächlich.  Wenn  der  Neuzugang  dann  angemessen  reagiert,  droht  ihm  gleich  zu Anfang  seines  Aufenthaltes  eine  Fixierung.  Was  bedeutet,  dass  er  auf  ein  Bett gebunden wird und eine klinische Substanz injiziert bekommt.

Dies weiß S. allerdings nur vom Hörensagen. Da ist am Abend zuvor ein neuer Patient  auf  Station  gekommen,  es  hat  einigen  Lärm  gegeben,  und  jetzt  ist  er verschwunden  in  einem  Zimmer,  das  niemand  betreten  darf.  S.  hat  während  der mehreren mehrmonatigen Aufenthalte in dem Behandlungszentrum nie mit eigenen Augen gesehen, dass ein Patient einen Behandler angegriffen hätte, auch nicht auf der  geschlossenen  Station.  Wüste  Beschimpfungen  und  auch  Beleidigungen,  vor allem  weiblicher  Pflegewesen,  gab  es  öfter.  Bedrohungen  oder  Tätlichkeiten  nur unter Patienten. Wenn zum Beispiel mehrere verängstigte, misstrauische Wesen sich ein Zimmer teilen müssen, wie es die Regel ist, oder aber alle dünnhäutigen Wesen gleichzeitig zusammentreffen  im  kleinen  Speiseraum,  um  dort  dicht  gedrängt  die Mahlzeiten einzunehmen. Ein Rückzug aufs Zimmer nicht erlaubt ist, auch nicht mit nur  einem  belegten  Brötchen.  Und  so  kommt  es  schon  mal  zu  Streit,  wirft  zum Beispiel eine Patientin mit Essen um sich, weil sie Abstand braucht.

Das aggressive Pflegewesen hat zu diesem Zeitpunkt den Speiseraum für seine Raucherpause verlassen. Vorher aber war es zu Höchstform aufgelaufen, als es darüber zu wachen galt, dass kein Patient vorzeitig diesen Raum betritt. Dort ist nämlich um  12:00  Uhr  Einlass  zum  Mittagessen,  und  keine  Minute  früher,  nicht  etwa  um 11:57 Uhr, kann man sich doch merken, oder, und hat man schon mal die Uhr gesehen, die da groß und breit an der Wand hängt? S. hat nur einmal versucht, etwas früher in den Speiseraum zu gelangen, und niemals wieder. Jetzt wartet sie brav mit der übrigen hungrigen Meute vor der Glastür und wundert sich über diesen Realitätsflüchtigen, der es Tag für Tag erneut versucht, etwas früher hineinzurutschen. Was ihm niemals gelingen wird und ihm jedes mal eine kalte Dusche beschert.

Diese Meute zu verpflegen, ihr Essen vorzubereiten, ist diesem Pflegewesen wohl im Grunde zutiefst zuwider. Am liebsten würde man die Tür niemals öffnen. Aber es geht nicht anders, irgendwann muss die Unterwelt in den Speiseraum gelassen werden. Jetzt kann ein gemütliches Beisammensein noch ein bisschen gestört werden, mit  Kommentaren  wie:  „Für  Euch  könnte  man  auch  eine  Dose  aufmachen.“  Bevor man  dann  eben  in  die  verdiente  Pause  verschwindet  und  einen  unorganisierten Haufen zusehen lässt, wie er klarkommt.

Die Ärzte trifft man an einem Vormittag in der Woche, an dem die Realitätsflüchtigen nacheinander zur Sprechstunde zu erscheinen haben. Die Unterredung dauert dann selten länger als 15 Minuten, und das reicht S. auch. Es gibt noch ein oder zwei persönliche Gespräche in der Woche mit dem zuständigen Medizinkundigen, die länger dauern und anstrengend sind. Diese Behandler haben selten so ein aufgeladenes, forsches Auftreten, wirken in der Regel gelassener. Haben aber auch eigentlich nur eine Mission: Den Realitätsflüchtigen von der Notwendigkeit der Einnahme der für ihn vorgesehenen klinischen Substanz zu überzeugen und die Dosis festzulegen.

Diese Dosis scheint grundsätzlich etwas höher zu liegen, als der Realitätsflüchtige freiwillig  zu  nehmen  bereit  ist.  Sie  wird  in  der  Krankenakte  dokumentiert,  und  das Pflegewesen  muss  dann  durchsetzen,  dass  die  Substanz  vom  Realitätsflüchtigen genommen wird. Oder sie ihm auch injizieren. Ob nötig oder nicht, geht dem Pfleger oder der Pflegerin dabei nichts an. Das ist sicher die undankbarere Aufgabe. Es gibt Regelwerke zur Organisation so einer Station, denen man zum Beispiel entnehmen kann,  wann  eine Zwangsbehandlung  gerechtfertigt  ist.  Wozu  auch  der  Zwang  zur Einnahme oder Injektion der klinischen Substanz gehört. Der eigentlich fast nie sein

darf, aber fast immer angedroht wird, wenn ein Realitätsflüchtiger die Einnahme oder Injektion nicht sofort akzeptiert. Eine hartnäckige Weigerung bringt das Pflegewesen in eine Stresssituation. Es muss den ihm vorgesetzten Medizinkundigen nachweisen, dass den ärztlichen Anordnungen Folge geleistet wurde.

Ärzte  müssen  also  in  der  Regel  nicht  so  drohend  auftreten,  verstehen  es  aber auch, auf subtile Art und Weise, mit spöttischem Grinsen und kleinen Sticheleien, S. zu  ärgern.  Wenn  sie  denn  dieses  Arztwesen  sind,  das  bestimmte  Patienten,  oder eben Patientinnen, gerne etwas provoziert. S. versteht, man darf das, und sie nicht.

Sie kann sich sehr aufregen, wenn sie sich unfair behandelt fühlt, und musste erfahren, man kann dann sehr schnell ein Mittel namens Tavor verordnet bekommen. Das beruhigen soll, aber leider auch süchtig macht.

  1. kennt inzwischen  mehrere  tavorabhängige Wesen,  die  diese  Droge  jahrelang verschrieben bekommen haben. Und dann, nachdem sie überzeugt waren, ohne dieses Mittel nicht mehr leben zu können, es plötzlich absetzen sollten. Da nun auf einmal  überrascht  festgestellt  wurde,  dass  das  Wesen  eine  Sucht  entwickelt  hatte.

Womit  sich  dann  auch  ein  neues  Behandlungsfeld  ergeben  hat.  Zweimal  hat  S. miterlebt,  wie  ein  verzweifeltes  Wesen  durch  Selbstmorddrohungen  versuchte,  die Droge, die ihm ja immerhin einmal als Medikament verordnet wurde, wieder einzufordern, aber ohne Erfolg. S. fürchtet dieses Mittel deshalb sehr. Es war ein Fehler, es die Behandler wissen zu lassen.

Klinikbehandler  müssen  heute  vor  allem  motiviert  sein,  ein  anderes  Wesen  zu etwas zu bringen, was es nicht will. Denn sehr häufig will es die klinische Substanz nicht,  oder  zumindest  nicht  in  sehr  hoher  Dosis.  Die  Kombination  männlicher Behandler  und  weibliche  Behandelte  ist  deshalb  die  energetischste  bei  diesem immer  wieder  gleichen  Spiel.  Das  mit  einer  scheinbaren  Erkundigung  beginnt  und immer damit endet, dass mehr klinische Substanz verordnet wird.

Das  Eingeständnis  einer  gedrückten  Gemütslage  ist  dabei die  direkte  Einladung zur Erhöhung der Medikation. Bei sichtlicher Genugtuung der Behandler, so leicht ein Leidbekunden  abdeckeln  zu  können,  und  ebenso  sichtlicher  Enttäuschung  des Behandelten. Der sich nach der eingangs warm und besorgt gestellten Frage nach seinem  Befinden  Hoffnung  auf  weitergehendes  Interesse  und  echtes  Mitgefühl gemacht hatte. Ablehnung der Erhöhung von Substanz stellt dann sein Leidempfinden  in  Frage.  „Aber  Sie  sagten  doch,  es  geht  Ihnen  schlecht?  Möchten  Sie  denn nicht, dass es Ihnen besser geht?“   Wer den Drang, sein Leidempfinden mitzuteilen, nicht beherrschen lernt, tappt immer wieder in diese Falle.

Möglichst wenig sagen, auf keinen Fall eine schwierige Gemütslage eingestehen, und  sich  nicht  aufregen.  Das  scheint  die  einzige  Strategie  zu  sein,  unbeschadet durch  ein  Gespräch  mit  dem  zuständigen  Medizinkundigen  zu  kommen.  Dem  man nicht  ausweichen  kann.  Der  S.  Gegenstrategie  schon  kennt  und  in  dem  Gespräch heute auf Fragen nach dem Befinden verzichtet. Aber natürlich schon einen neuen Plan vorbereitet hat, um S. einzuzingeln.

„Frau R., wir haben Sie schon den ganzen Tag gesucht, wo waren Sie denn?“

„Ich  war  in  meiner  Wohnung.“  (Die  haben  mich  gesucht?  Oh  Schreck.  Hoffentlich verbieten die mir jetzt nicht, die Station zu verlassen.)

„Und was haben Sie da gemacht?“

(Geht Sie nichts an.) „Gar nichts, nur auf dem Bett gelegen.“

„Nehmen Sie eigentlich an den Therapien auf Station teil?“

(Fast gar nicht. Keine Lust. Muss man das?) „Ja“.

„Welche?“

„Bewegungstherapie, manchmal.“

„Wann?“

„Gestern.“ (Stimmt sogar.)

„Und davor?“

„Ein, zwei Mal war ich da.“ (In den letzten sechs Wochen. Wissen Sie ja sowieso.)

„Und die Ergotherapie?“

„Ist ausgefallen.“ (Schade sogar, ich mag die Frau M.)

„Ausgefallen? Die ganze Woche?“

„Nein,  aber  gestern.“  (Jetzt  muss  ich  da  wohl  immer  hin.  Naja,  da  spielen  und  da basteln wir, ist nicht so schlecht da.)

„Frau R., es ist wichtig, dass Sie sich mehr  einbringen. Ich glaube, dass Sie mehr Medikamente brauchen.“

(Überraschung. Hatte schon gedacht, er vergisst das heute.) „Möchte ich aber nicht.“

„Ich  habe  das  aber  bereits  mit  dem  Oberarzt  besprochen,  und  der  sieht  das genauso.“

(Blöder  Kerl,  interessiert  mich  nicht,  schluck’  den  Kram  doch  selber.)  „Ich  möchte nicht mehr Medikamente nehmen.“

„Warum nicht?“

„Mir  geht  es  gut.“  (Im  Prinzip,  nur  jetzt  gerade  nicht,  wo  ich  hier  sitze,  schlechte Schwingung.)

„Frau R., wir müssen uns noch mal mit dem Oberarzt zusammensetzen und über die Medikamente sprechen. Am besten gleich morgen.

„Meinetwegen.“ (Morgen bin ich wieder in meiner Wohnung.)

 

Man findet S. später in der Ergotherapie, wo man sie dann herausholt, sodass es zu dem Gespräch dann doch kommt.

Die weiblichen Wesen, die Pflegerinnen wie Ärztinnen, sind mit ihren Eigenarten nicht  so  deutlich  ausgeprägt  erkennbar  wie  die  männlichen  Behandler.  Es  handelt sich  bei  ihnen  meistens  ebenfalls  um  sehr  zackige,  ordnungsbesessene  Wesen.

Wobei die Ärztinnen etwas distanzierter sind als die Pflegerinnen. Es gibt das weibliche  Kumpelwesen  aber  auch,  S.  mag  es  sehr,  und  es  gibt  auch  die  freundlichen, einfühlsamen Behandlerinnen. Aber nicht sehr viele, und mit der Zeit immer weniger.

  1. vermutet, dass deren Überlebenschance auf so einer Station wohl eher gering ist.
  2. erinnert sich an eine angenehme Person mit sanfter Ausstrahlung, die ihr sehr gut getan hat. Die allerdings oft traurig am Fenster des Aufenthaltsraums stand und sich nach draußen zu sehnen schien. Ob sie sich an ihrem Arbeitsplatz nicht wohl fühlte, kann S. so genau nicht wissen, aber sie vermutet es. Und sie vermutet auch, dass es  eher  an  den  zackigen  Kollegen,  als  an  den  schlurigen  Realitätsflüchtigen lag.

Der Ton auf Station ist also häufig nicht angenehm. Patienten zu ignorieren oder unfreundlich abzufertigen wohl manchmal der einzige Weg, nicht überrannt zu werden von dieser großen Menge Wesen mit unterschiedlichsten Hilfewünschen und – forderungen. Sich aufzuregen über eine schlechte Behandlung ist dann auch ziemlich sinnlos und bewirkt genau das Gegenteil des Erwünschten. Behandler, die sich etwas Zeit für ein paar persönliche, nette Worte nehmen und den Realitätsflüchtigen helfen, sich ein bisschen wohler zu fühlen sind für S. sehr wichtig. Man kann diese Zuwendung  aber  nicht  einfordern.  Wenn  man  sie  bekommt,  ist  es  ein  Geschenk.

Therapeuten,  die  zum  Beispiel  Musik,  Kunst-  oder  Bewegungstherapie  anbieten, erlebt S. oft als angenehme Wesen.

Insgesamt können diese Behandlungszentren nicht als ein Raum frei von Konflikten beschrieben werden. Das Leben mit all seinen unterschiedlichen Facetten, den angenehmen  und  schwierigen  Begegnungen,  spielt  sich  auch  hier  ab.  Eher  sogar noch intensiver, und man kann nicht ausweichen. Gut, man ist nicht allein, und beruhigende,  dämpfende  Mittel  sind  ausreichend  vorhanden.  Aber  niemand  kann  dem seelisch Verletzen einen sicheren Schutzraum garantieren. Weshalb S. irgendwann beschließt, diesen Schutzraum selber zu erschaffen.

Dafür schafft sie einen Raum in ihrem Inneren, den sie sich frei von Gefahren vorstellt, in dem sie völlige Akzeptanz erfährt. Dort kann sie Kraftwesen wie mir begegnen.  Sie  kann  alles  mitteilen,  was  zu  ihr  und  ihrem  Leben  gehört,  ohne  dass  eine Bewertung erfolgt. Wahre Kraftwesen interessieren sich nicht für Schuldzuweisung, während sie ein Auffinden von Lösungen aus schwierigen Lebenslagen unterstützen.

  1. stellt fest, Kraftwesen wollen sie zu nichts verleiten und von nichts überzeugen.

Sie sind einfach nur da, beleuchten, machen verständlich. Manche Erdwesen würden den Austausch mit einer solchen Kraft als Gebet bezeichnen. Oder die bewertungsfreie Betrachtung innerer Vorgänge Meditation nennen.

  1. wird mit  der  Zeit  erkennen,  dass  Wesen,  die  ihr  Vorwürfe  machen  oder  sie unter  Druck  setzen,  keine  Kraftwesen  sein  können.  Ihre  Unterscheidungsfähigkeit und ihre innere Unabhängigkeit nehmen zu, langsam. Aber wir sind nicht in Eile. Es ist nicht schlimm, dass es noch etwas dauern wird, bis S. das, was so langsam in ihr Herz fließt, bewusst wahrnehmen und auch zum Wohle anderer einbringen kann.

 

 

 

Erdlandung – Die wahre Geschichte einer Seelenreise
von Sera Fine

 

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ISBN: 978-3-7412-5007-1
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