Autor:in: Mariana Volz

Das Topfmädchen

 

Ein Mädchen saß in einem Topf. Der Topf hatte glatte Wände, so dass das Mädchen nicht hinausklettern konnte. Aber das war okay. Sie war zufrieden.
Eines Tages hörte sie draußen Stimmen.
Menschen lachten. Da waren viele Menschen. Vom Boden ihres Topfes sah sie schöne Menschen, weniger schöne – und alle schienen glücklich zu sein.
Das Mädchen fragte sich, warum es in einem Topf sitzen musste. Und ob es noch andere Menschen in Töpfen gab.
Da wollte das Mädchen raus aus dem Topf. Hin zu den anderen Menschen. Aber so sehr sie auch versuchte, hi- nauszuklettern: Die Wände ihres Topfes waren einfach zu glatt. Sie rutschte immer wieder ab und war gefangen in ihrem Topf.
Da wurde das Mädchen ganz traurig und fing an, bitterlich zu weinen. Das Wasser stieg… so langsam bekam das Mädchen Angst, denn sie konnte nicht schwimmen.

Es rief den anderen Menschen zu: “Bitte holt mich hier raus”. Es kamen auch gleich ein paar Frauen angerannt und versuchten, ihr zu helfen, aber sie waren zu schwach.
Keiner konnte ihr helfen. Die Frauen redeten ihr gut zu, aber es war vergebens.

Eines Tages kam ein Mann des Weges. Das Mädchen rief: “Hilfe! Bitte hol mich hier raus.” Der Mann wagte einen Versuch, reichte dem Mädchen die Hand und zog es bis zum Rand des Topfes hinaus. Das Mädchen freute sich auf die neue Welt, die sie erwarten würde – doch dann ließ der Mann sie plötzlich fallen. Er sagte: “Du bist mir zu schwer, das ist mir zu anstrengend.”

Das Mädchen, das schon über den Rand ihres Topfes schauen konnte und die wunderbare Welt dort oben sah, war total verzweifelt und wusste nicht, was sie machen könnte, um aus ihrem Gefängnis zu entfliehen. Sie verstand nicht, warum der Mann einfach losgelassen hatte.

Die Zeit verging. Manchmal weinte das Mädchen, und der Topf wurde voller. Da hatte das Mädchen immer mehr Angst, zu ertrinken. Ab und an kam ein Mann des Weges, versuchte sie hochzuziehen und ließ sie wieder fallen.
Das Mädchen verstand das Verhalten der Männer nicht. Einer könnte sie doch retten, warum taten sie das denn nicht? War sie zu schwer? War sie nicht nett genug?
Je älter sie wurde, desto mehr Männer standen oben am Rand ihres Topfes.
Einige schauten hinab. Einige unterhielten sich kurz mit ihr. Andere ignorierten sie. Es gab auch richtig böse Männer, die ihr noch nicht mal die Hand reichten. Im Gegenteil: Sie spuckten in den Topf des Mädchens, worauf der Wasserstand gefährlich stieg.
Verstanden sie denn nicht, dass das Mädchen kurz davor war, zu ertrinken – oder war es ihnen sogar egal?

Das Mädchen überlegte sich in ihrer Not ein paar Tricks. Sie war ganz lieb zu den Männern und sagte alles, was sie hören wollten und versuchte, nicht zu anstrengend zu sein. Doch alle ihre Bemühungen halfen nichts. Immer im letzten Moment wurde sie fallengelassen.

Sie war verzweifelt, ängstlich und wütend. In ihrer Wut schlug sie gegen die Wand ihres Topfes. Immer wieder gegen die Wand, immer wieder, bis irgendwann ein kleiner Riss entstand.

Der Riss war scharfkantig und sie tat sich weh. Aber als sie daran festhielt, merkte sie, dass sie ein Stück nach oben klettern konnte. Also schlug sie immer weiter gegen die Wand, bis der Riss so groß wurde, dass sie ihn als Tritt benutzen konnte – um selbst aus eigener Kraft aus dem Topf zu klettern.