Autor:in: Juergen Schomaker

Eine Reha-Reise

 

So scheint es zu sein, zumindest wenn ich das, was ich in den Rehas (medizinische und berufliche) so erlebt habe, bewerte.
Da war einfach zu wenig Personal und es wurden trotzdem Teilnehmerzahlen hochgefahren, obwohl man sich um die Menschen gar nicht mehr kümmern konnte.

In der medizinischen Reha, welche ich ambulant hier in Bremen besuchte, wurde einem schon beim Begrüßungsgespräch zwischen den Zeilen mitgeteilt, es gehe nur darum, arbeitsfähig entlassen zu werden. Es gibt kein „Geht nicht.“ Viele Module, die helfen sollten, entfielen krankheitsbedingt oder besser gesagt, weil einfach kein Personal da war: wichtige Themen wie z.B. „Wie erlange ich mein Selbstwertgefühl wieder?“, „Umgehen mit Krisen“ oder „Was, wenn man wirklich in die Erwerbsminderungsrente muss?“. Es fanden ruckzuck Einzelgespräche statt und man hatte den Eindruck, es geht nur um Quantität, statt um Qualität. Viele von den Teilnehmern, welche arbeitsfähig entlassen wurden, hörten später bei der Agentur für Arbeit, bei ihren Therapeuten und auch bei ihren Psychiatern den Satz: „So hat man Sie entlassen? Das sehen wir anders.” Das erweckte in mir den Eindruck, dass man als Betroffener nur jemand ist, mit dem Geld verdient wird.

Die berufliche Reha empfand ich als noch empörender. Dort aufgenommen, wurde man über Wochen mit Ordnern voller Aufgaben zu den Themen Mathe, Rechtschreibung, EDV beschäftigt und allein gelassen. War man mit einem Teil fertig, gab es Nachschlag. Dachte ich anfangs noch, dies würde geschehen, um zu sehen, welche Allgemeinbildung man mitbringt, musste ich doch feststellen, es ging nur darum, beschäftigt zu werden. Es wurden keine richtigen Konzepte erarbeitet. Die Kommunikation zwischen dem betreuenden Trainer und dem zuständigen sozialpsychologischen Dienst war miserabel. Und auch hier: zu wenig Personal. Es wurde sich mit Honorarkräften beholfen, denen aber die Erfahrung mit Menschen, die psychische Probleme haben, gänzlich fehlte. Und was die Psyche angeht, so muss man feststellen, dass die dortige Psychologin, die ein Training sozialer Kompetenzen und ein psychosoziales Seminar anbot, wohl nicht zur ersten Wahl gehörte.

Diese Eindrücke schienen mir zunächst noch meiner Depression geschuldet; das änderte sich aber, nachdem wir Teilnehmer uns zusammensetzten, denn auch bei anderen war der Eindruck so. Es gab widersprüchliche Berichte an die Kostenträger, Ausfälle von Programmpunkten, einfach eine mangelnde Betreuung. Bei einigen Teilnehmern führte das dazu, dass sich die psychische Verfassung wieder verschlechterte. Sie mussten wieder in medizinische Behandlung, litten wieder an Verzweiflung und Angstattacken – unter anderem ausgelöst durch das Gefühl, allein gelassen zu werden. Es gäbe noch mehr Einzelheiten aufzuführen, aber das Problem bleibt das Gleiche. Zu wenig Personal und möglichst viele Menschen durchschleusen. Kritik, so sie von Teilnehmern überhaupt trotz ihres angeschlagenen Selbstwertgefühls geäußert wurde, wurde ignoriert oder kleingeredet. Das Schlimme daran ist: Es geht um Menschen. Um Menschen, die dort hingekommen sind, um wieder einen Weg in die Normalität zu finden. Durch Beratung, Begutachtung und Begleitung.

Einige konnten letztlich ihren Weg selbst in eine Umschulung oder zumindest für sie passende Beschäftigung finden, an der Einrichtung vorbei. Anderen wurden dann auch noch Steine in den Weg gelegt, weil sie unbedingt im Rahmen der Maßnahme noch ein Praktikum machen sollten oder in der dort implantierten Übungsfirma tätig sein sollten. Bei wieder anderen Teilnehmern wurde einfach abgebrochen und vorgeschlagen, man sollte doch in die Erwerbsminderungsrente gehen. Ihnen wurde vorgeworfen, sie würden nicht mitarbeiten. Auffällig war allerdings, das waren Teilnehmer, die ihren Unmut kundtaten. Solange solche Einrichtungen einfach unkontrolliert machen können, was ihnen anscheinend Profite bringt, solange bleiben Menschen auf der Strecke. Und das erbost mich ungemein.

Sicher, Personalmangel ist ein Problem, aber man muss auch unterscheiden zwischen gewollt und ungewollt. Dort, wo es nur um Sparpolitik geht, gehört es angeprangert. Vielleicht ändert sich was, vielleicht wird es besser, aber dass Betroffene eine lautere Stimme brauchen, das ist kein vielleicht.
Das ist ein MUSS.