Autor:in: Cristel Volz

Meine schizophrene Mama

 

Es ist Heiligabend. Meine Kinder sind da. Ich bin sehr glücklich.
Und doch, in den letzten Tagen schlichen sich immer wieder Gedanken an meine
Mutter in meinen Kopf. Sie ist im letzten Jahr gestorben und ich habe sie begleitet,
aber es war sehr schwer. Es kamen in den letzten Jahren wieder so viele Gefühle auf. Auch viele Schuldgefühle gegenüber meiner Mutter.
Meine Mama war krank. Sie war schizophren.
Meine jüngere Tochter hat mich gefragt, ob ich nicht mal aufschreiben will, wie es
ist, als Kind mit einer so kranken Mutter aufzuwachsen. Ja, das will ich.

Ich denke, so bis zum Alter von 13 Jahren habe ich es nicht wirklich gemerkt. Ich hatte eigentlich eine liebe Mama, die für uns gesorgt hat. Aber meine Mutter war immer mit anderen Menschen zerstritten, sie war sehr neidisch auf andere, auf materielle Dinge und auch auf Freundschaften.
Sie hatte keine Freunde, stritt immer mit meinem Vater und seiner Familie. Dass wir nicht zur Hochzeit meiner Cousine oder zu einer Konfirmation eingeladen wurden, war für mich normaler Alltag. Zur Familie meiner Mutter bestand gar kein Kontakt.

Mit 14 kam ich in die Lehre und lernte andere erwachsene Menschen kennen.
Auf einmal kamen Zweifel in mir auf. Aber meine Mama war meine Mama und natürlich habe ich immer erst mal alles geglaubt, was sie erzählte. Aber ich lernte durch den Kontakt mit anderen Menschen andere Sichtweisen. Auf einmal wurde mir bewusst, dass nicht alles stimmen konnte, was meine Mutter erzählte.
Es waren schlimme Dinge, die sie erzählte: Sie wäre auf dem Dachboden vom Nachbarn vergewaltigt worden, dass die Menschen um uns herum nicht ehrlich waren, man konnte ihnen nicht alles glauben usw. In diesem Tonus ging es weiter. Beim Einkaufen, zum Beispiel, habe ich mich geschämt, meine Mama war so stolz auf mich. Sie erzählte immer, dass ihre Tochter so gut in der Schule und sehr brav war. Ich fragte mich: „Warum erzählte sie das Menschen, die uns doch eigentlich nicht gut gesinnt waren?“
Diese Widersprüche waren damals schon da, wurden aber von mir nicht richtig wahrgenommen, wahrscheinlich nur im Unterbewusstsein. Denn auch da war meine Mama meine Mama und für uns immer noch glaubwürdig.
Auch innerhalb der Familie (Oma, Opa, Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen) wurde ich immer als so gut und brav hingestellt. Ich machte meinen Eltern nie Kummer. Diesen Part übernahm mein jüngerer Bruder. Aber er war ja auch ein Junge. Da wurde das verziehen. Es war auf einmal alles schwierig und peinlich und ich war wohl auch eifersüchtig, weil der Sohn nach meiner Empfindung immer an erster Stelle kam. Er war der „Stammhalter“. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ich hatte es schon in der Schule schwer, Freundschaften zu schließen. Ich durfte keine Freundin mit nach Hause bringen, weil ja bei uns immer alles „zu schmutzig“ war und meine Mutter keine Fremden in der Wohnung wollte (bei ihr war alles pieksauber, sie putzte immer wie eine Wilde). Diese vielen Widersprüche meiner Mutter waren für mich als Kind nicht zu verstehen. Und verunsicherten mich sehr. Ich war allem gegenüber sehr ängstlich und immer sehr ernst. Das zog sich dann auch in mein Teenageralter. Aber ich wollte doch eigentlich nicht so einsam sein. Ich bin dann immer allen, die ich von der Schule kannte, hinterhergelaufen, um überhaupt Kontakt mit Gleichaltrigen zu bekommen. Keiner wollte wirklich mit mir befreundet sein. Den Grund dafür habe ich immer bei mir selbst gesucht.

Dadurch wurde ich sehr traurig und einsam, hatte dann auch in der Berufsschule ziemliche Schwierigkeiten und konnte nicht mal mehr an der Tafel 1 + 1 zusammenziehen. Ich war auch für die damalige Zeit für eine Frau groß und hatte nicht die angesagte „Twiggy-Figur“. Nach Aussage meiner Mutter durfte ich bei meiner älteren Cousine nicht Brautjungfer werden, weil ich zu dick war. Das hat sie mir eingeredet. Meine Oma, die ich sehr geliebt habe, hatte mich angeblich nach Aussagen meiner Mama nicht lieb, sondern hatte nur meine Cousinen und Cousins lieb. Heute weiß ich, dass es ihre kranken Empfindungen waren. Aber damals war das sehr sehr schlimm für mich. Ich fühlte mich immer minderwertiger. Als ich älter wurde, wurden die Probleme immer größer, es verging kein Tag mehr, an dem meine Mutter nicht in ihre Wahnideen verfiel, sie beschimpfte mich mit ganz bösen Worten, ich war eine faule Trine (das war harmlos), zu schlampig usw.
Meine Teenagerjahre waren geprägt von großer Traurigkeit, schämen für alles mögliche, Streitereien mit meiner Mutter, ich fühlte mich immer „zu dick, zu dumm und nicht liebenswert“. Freundschaften hatte ich so gut wie keine, bin weiterhin immer allen hinterhergelaufen, um mal mitgenommen zu werden in die Disco. Schlimm wurde es, als ich meinen Mann kennenlernte, ich war da schon 24 Jahre alt. Dann behauptete meine Mutter, ich wäre von meinem Mann „vergewaltigt“ worden oder dass er mich „geschlagen“ hätte.
Wir versuchten jahrelang, die schlimmen Wahnideen meiner Mutter in Gesprächen mit ihr zu erklären. Dass sie nicht vergewaltigt worden sei und keiner sie betäubt haben könnte, erklärte ich z.B. damit, dass die Türen abgeschlossen waren, keiner reingekommen sein konnte. Da diese Versuche immer wieder fehlschlugen, mussten wir handeln.
Aber meine Mutter war in ihren schrecklichen Ideen so gefangen und hatte nur noch Angst. Bei den ersten Ärzten, zu denen ich meine Mutter brachte (ich war da so 35 Jahre alt), gingen wir noch von organischen Beschwerden aus. Sie erzählte immer, dass sie auf einmal nichts mehr sehen konnte und überfallen wurde. Aber es stellte sich dann nach einigen Untersuchungen heraus, dass sie schizophren war und an halluzinatorischen Wahnideen litt. Das war für uns als Familie schlimm, mein Vater wollte diese Diagnose nicht hören und annehmen, „so was gibt es in unserer Familie nicht.“. Er versuchte mit allen Mitteln eine Behandlung zu verhindern. Also standen mein Bruder und ich alleine da. Um meiner Mutter und auch uns allen zu helfen, habe ich dann entgegen dem Wunsch meines Vater mit Hilfe des Amtsgerichtes und des Amtsarztes dafür gesorgt, dass meine Mutter endlich in ärztliche Behandlung kam. Dies hat auch mein Bruder unterstützt.
Ich wurde dann für viele Jahre bis zu ihrem Tod ihre gesetzliche Betreuerin. Dadurch hatte sie auch nur noch bedingt Vertrauen zu mir.
Gegen die Schizophrenie konnte man nicht mehr viel tun, man konnte nur noch die Ängste etwas lindern. Meine Kinder haben dadurch ihre Großmutter nicht wirklich kennengelernt, weil meine Ängste, was sie den Kindern erzählt, zu groß waren. Ich konnte es auch kaum mehr als eine Stunde mit ihr zusammen aushalten. Das empfand ich als furchtbar schlimm, machte mir immer wieder Vorwürfe, denn ich hatte sie ja lieb, aber ich konnte sie nicht mehr aushalten. Es hatte zum großen Teil auch mich krank gemacht, ich entwickelte schwere Depressionen. Aber ich konnte mir Hilfe holen und komme heute gut klar.
Dank meiner heutigen Sichtweise, durch viel Beistand meiner Familie (Mann und meine beiden Töchter) und auch durch die tolle Erfahrung, ganz liebe Menschen zu meinen engen Freunden zählen zu können.

Was ich heute als besonders schlimm empfinde ist, dass mein Bruder und ich als Kinder keine Hilfe von unserer Familie bekamen. Wir wurden weitestgehend mit einer kranken Mutter alleine gelassen. Keiner in der Familie wollte engen Kontakte mit ihr. Allerdings wollte auch keiner sehen, und es wusste wahrscheinlich auch keiner, dass hier eine Psychose vorlag. Es war zu der damaligen Zeit ein großes Tabuthema. Keiner wollte damit etwas zu tun haben. Auch mein Vater wurde von seiner Familie damit alleingelassen.

Ich habe versucht, mit wenigen Worten eine Kindheit mit einer kranken Mutter zu schildern. Ich hoffe, dass es einigen hilft und den Mut gibt, sich Hilfe zu holen.
Ich wünsche mir, dass heute offener mit psychischen Erkrankungen umgegangen wird und den Betroffenen Hilfe gegeben wird. Dem Erkrankten und den Kindern von erkrankten Eltern.