Autor:in: Volker Brinkmann

Eine Symphonie der Buntheit

 

Wenn man über die Musikkultur in Hemelingen berichtet, kommt man um die Oberschule Sebaldsbrück nicht herum. Hier werden die musikalischen Talente von Jugendlichen u.a. in Form eines Orchesters gefördert. Die Zwielicht-Redaktion bekam die Möglichkeit, an einer Probe dieses Orchesters teilzunehmen.

 

Das Orchester setzt sich aus einer vielfältigen Ansammlung von Instrumenten zusammen: Zwei Saxophone, Klarinette, Tuba, Querflöte, Klavier, Digitalpiano, Keyboard, Trompete, Bass und zwei Schlagzeuge. Geleitet wird das Orchester von zwei Studenten, Herr Boomgarden und Herr Köhler. Als Saxophonist und Drummer sind sie Teil der Gruppe.

Bevor die eigentliche Übungsstunde des Orchesters beginnt, spielen sich die Kids (12 – 14 Jahre) ein.

Die Session startet mit den allseits vertrauten Klängen von „Seven Nation Army“ der White Stripes, welche sich seit zehn Jahren als Fangesang in den Fußballstadien Europas etabliert haben. Der prägnante Basslauf startet, anschließend wird die Dynamik des Songs mit dem Klavier verstärkt. Nach und nach setzen die übrigen Instrumente ein. Es fällt auf, dass das Stück offensichtlich schon seit geraumer Zeit geprobt wird, denn größere Fehler sind nicht auszumachen. Nach einer Wiederholung geht es nahtlos in DeepPurples „Smoke On The Water“ über.

Die Kids vermitteln einen konzentrierten, aber auch entspannten Eindruck.

Das nächste Stück, das vom Orchester geprobt wird, ist „Grenade“ von Bruno Mars. Als Zuhörer nehme ich einen kraftvollen, dynamischen Sound wahr. Ich bin beeindruckt, wie versiert diese jungen Menschen an ihren Instrumenten agieren. Das Zuhören bereitet Freude und ist mitreißend. Für diese jungen Menschen scheint Musik etwas ganz Natürliches zu sein.

Von den Studenten erfahre ich, dass an dem Musik-Programm seit vier bis fünf Monaten gearbeitet wird. Sie berichten mir, dass die Arrangements der Songs teilweise von ihnen stammen; es wird aber auch auf bestehende Arrangements zurückgegriffen.
Der folgende Song, der auf dem Plan steht, ist ein Hit des Weltstars Adele: „Rolling In The Deep“. Das Kraftvolle dieses Stücks wird von dem Orchester transportiert.
Im Folgenden arbeitet die Gruppe an einem Klassiker der Pop-Geschichte: „Thriller“ von Michael Jackson. In der Session dieses Tages nimmt dieses Stück den größten Raum ein.

Herr Boomgarden gibt während der „Thriller“-Probe immer wieder genaue Anweisungen und unterbricht an Stellen, an denen dann eine Optimierung vorgenommen wird. Beispielsweise wird das Intro des Stückes so arrangiert, dass es sich langsam zu etwas Wuchtigem aufbaut.

Ich nehme wahr, wie relaxt die musikalische Stimmung im Raum ist.

Dazu tragen die der Gruppe vorstehenden Studenten bei. Sie machen einen lockeren, zugewandten Eindruck. Nach meinem Empfinden haben sie einen guten Draht zu den Jugendlichen und sind als Autorität akzeptiert. Dieses wird scheinbar durch eine natürliche musikalische Verbindung zu den Schülern unterstützt.

In der Pause, die nach mehrmaligem Üben des Stückes folgt, sind die Jugendlichen dann vom Korsett des Anspruchs befreit. Einige klimpern ganz verspielt Songs nach ihren Vorlieben am Klavier.

Nach ca. zehn Minuten wird die Musikstunde mit dem nächsten Adele-Hit fortgesetzt: „Skyfall“ aus dem gleichnamigen 007-Movie. Dieser Song ist ja schon aufgrund seines Arrangements wie für ein Orchester gemacht. Auch bei der Probe dieses Stücks unterbricht Herr Boomgarden immer wieder, um an Details zu feilen. Jedes Instrument bekommt, sofern eine Verbesserung angestrebt wird, seine individuelle Betreuung. Herr Boomgarden besitzt dabei augenscheinlich die Kompetenz, das große Ganze im Auge zu behalten.

Ich bin davon beeindruckt, wie ausdauernd und geduldig, aber auch mit wie viel Freude sowohl die Jugendlichen als auch die anleitenden Studenten in diesem Schaffensprozess wirken.

Zum Ende der Session kommt es nach lebhaften Diskussionen unter den Schülern noch zu einem stimmungsvollen Abschluss: Die Filmmusik vom „Fluch der Karibik“. Dieses Stück, wohl oft geprobt, gelingt auf Anhieb.

 

Die Oberschule Sebaldsbrück hat ein Musical, „Baobab“, über einen Zeitraum von fast vier Monaten entwickelt. Bei der Live-Aufführung ist das erwähnte Orchester ein wesentlicher Baustein des Ensembles. Die Zwielicht-Redaktion bekam auch hier die Gelegenheit, über die Premiere von „Baobab“ zu berichten.

Vor Aufführungsbeginn herrscht eine gespannte Stimmung im Publikum.

Die wesentliche Lichtquelle des Musicals sind stimmungsvolle Projektionen auf fünf Stellwänden, die auf der Bühnenmitte angeordnet sind. Größtenteils sind dort Naturimpressionen Afrikas zu sehen. Durch die unterstützende Musik des Orchesters wird die Aufführung zu einem audiovisuellen Erlebnis. Viele Gesangseinlagen werden allerdings nur vom Klavier begleitet.

Im Kern geht es bei „Baobab“ darum, dass sämtliche Geschöpfe des Tierreiches dazu aufgefordert sind, ihren Platz in einem funktionierenden Öko-System einzunehmen. Die Hauptfigur, ein Löwe, tut dies – nach vielen Dramen, Abenteuern und Erkenntnisweisheiten, welche er durch schmerzhafte, aber auch freudvolle Erlebnisse gewinnt. Ihm nahestehende Tiere stehen dabei hilfreich zur Seite.

Einzelne Szenen werden von Instrumentalstücken, welche die jeweilige Stimmung einfangen, begleitet. Besonders gelungen erscheint dabei der Einsatz der „Morgenstimmung“ von Edvard Grieg und die Verwendung des „Imperial March“ aus Star Wars. Manchmal reicht aber auch der effektvolle Einsatz von Trommeln, um eine dramatische Szene zu untermalen.

In die Inszenierung  sind immer wieder auch Pop-Stücke eingearbeitet, die das Musical bereichern. Während der Aufführung hört man Stücke wie „Eye Of The Tiger“, „Thriller“ und „A HorseWithNo Name“. Für einen Musikliebhaber hat diese Inszenierung also einiges zu bieten: Musical, Pop, Filmmusik und Klassik. Eine interessante Mischung, die hier gut funktioniert. Die Abmischung des Orchesters weist jedoch gewisse Defizite auf. Doch die Musik ist größtenteils wuchtig, den Stücken angemessen.

 

Nach dem Besuch einer Orchester-Probe und des Musicals „Baobab“ lässt sich ein Eindruck gewinnen, wie die musikalischen Interessen von Jugendlichen an der Oberschule Sebaldsbrück gefördert werden.

Den individuellen Fähigkeiten wird ein Platz geschaffen, an dem diese sich entfalten können und gefördert werden. Strukturiert wird dieser Vorgang von Menschen, die ihren musikalischen Anspruch geduldig an die jungen Musiker herantragen. Diese lassen sich offensichtlich gerne auf diese Prozesse ein. Die musikalische Entwicklung wird vorangetrieben, ohne dass der Leistungsgedanke hierbei im Vordergrund steht. Vielmehr wird eine Musikkultur gelebt, die durch die Freude an einer gemeinsamen Leidenschaft ein Miteinander schafft, in dem der Schaffensprozess als ein natürlicher Vorgang erscheint.

Durch die Inszenierung eines Musicals können die einzelnen Musikparts wiederum Teil von einem größeren Ganzen sein. Durch das Verwenden verschiedener Musikstile und dem geschickten Einsatz von Instrumenten wird ein Raum für Kreativität sichtbar, der von den Beteiligten genutzt wird.

Und doch nehmen die musikalischen Protagonisten, analog zur Botschaft des Musicals, ihren symphonischen Platz an der Oberschule Sebaldsbrück ein. Das große Drama bleibt in diesem Kontext glücklicherweise aus. Vielmehr trägt die gegenseitige Unterstützung der einzelnen Teilbereiche wesentlich zum musikalischen Gelingen bei.