Autor:in: Mariana Volz

EINFACH MAL LEBEN

 

Es ist Samstagabend. Ich sitze im Bus, mein Handy klingelt. Eine SMS von einem Bekannten. Eine SMS – wie altmodisch, denke ich. In Zeiten des Dauer-online-und-erreichbar-sein durch Whats-App ist das ja eher eine Rarität.
Aber manchmal hat es auch seine Vorteile, nicht unendlich viele Worte zu haben. So beschränkt man sich auf das Wesentliche. Und das Wesentliche in diesem Fall war die Frage, ob ich mit ihm noch ein Bier trinken möchte.
Eigentlich mag ich keinen Alkohol. Ich verbinde mit Alkohol die Möglichkeit, die Kontrolle zu verlieren und das will ich auf gar keinen Fall. Dabei war ich in meinem ganzen Leben erst einmal wirklich betrunken und auch da meilenweit davon entfernt, die Kontrolle zu verlieren.
Ich zögerte einen Moment, die Frage mit einem einfachen Ja zu beantworten. Denn Bier wollte ich definitiv nicht trinken. Ich überlegte mir einen Text, in dem ich umständlich erklärte, dass ich keinen Alkohol trinken, aber trotzdem etwas unternehmen wollte. Als die Anzahl der Zeichen schon die 3 SMS überschritt, löschte ich den Text und schrieb einfach nur ein “Ja” zurück.
Als ich am verabredeten Ort ankam, stellte sich natürlich die Frage, was man denn jetzt überhaupt unternimmt. Ein großes Fragezeichen stand in meinem Gesicht und mir war irgendwie alles schon wieder unangenehm. Normalerweise plane ich schon Wochen im Voraus, wann und wo ich ausgehe. Dieses Mal war ich völlig unvorbereitet. Aber es stellte sich heraus, dass wir gar keine Vorbereitung brauchten. Wir gingen einfach los. Er ein Bier in der Hand und ich ein Mixgetränk. Einfach so. Mitten hinein in die Bremer Nacht.

Aus Richtung des Güterbahnhofs drang laute Musik an unsere Ohren und so hatten wir ein Ziel gefunden. Als wir an der Quelle der Musik ankamen, waren wir uns nicht sicher, ob das eine öffentliche Veranstaltung war oder nicht. Ich war am Zweifeln, ob wir wirklich in das Gebäude hineingehen sollten. Leute standen vor der Tür, Musik und bunte Lichter waren im Inneren zu hören und zu sehen. Aber kein Schild – nichts Offizielles, das mir Sicherheit gab, dass wir dort reingehen dürften. Normalerweise betrete ich selbst eine Kneipe nicht gerne, wenn ich nicht weiß, wie es drinnen aussieht; wo man langgehen muss; ob es Eintritt kostet; ob Jacken abgegeben werden können, oder nicht… das sind alles Dinge, die ich immer vorher wissen will – ansonsten traue ich mich erst gar nicht herein.

Ich brauche Sicherheit, ganz viel Sicherheit.

Mein Bekannter war sich auch unsicher. Deswegen gingen wir erstmal weiter. Irgendwie war ich traurig, dass ich mich nicht einfach hineingetraut hatte. Es sah so nach Spaß aus. Und eigentlich wollte ich gern mal andere Sachen in meinem Leben erleben. Wir gingen noch ein bisschen spazieren; unterhielten uns darüber, dass man sich im Leben oft viel zu sehr von seinen Ängsten leiten lässt. Als wir auf dem Rückweg wieder an dem Gebäude mit der lauten Musik vorbei kamen, grinsten wir uns gegenseitig an, und ich machte meinem Bekannten mit einem Kopfnicken in Richtung Eingang klar: “Wir beide gehen da jetzt einfach rein!”
Der Eingang war mit großen, schwarzen Vorhängen abgehängt – wir wühlten uns einen Weg hindurch. Endlich im Warmen angekommen, fühlte ich mich irgendwie deplatziert. Als ich mich umsah, entdeckte ich ein Buffet. Es sah selbstgemacht aus, und alles andere wirkte auch improvisiert. Aber wir entschlossen uns, trotzdem erstmal dazubleiben, obwohl es uns beiden irgendwie unangenehm war. Wir schauten uns um und sahen, dass einige Leute in einem anderen Raum, der auch mit einem Vorhang abgehängt war, verschwanden.
Die Neugier trieb uns an, und wir folgten kurze Zeit später den Leuten hinter den Vorhang. Bauzäune bildeten einen schmalen Gang, auf dem hier und da etwas Stroh verteilt lag. Ich konnte mich kaum fragen, wo das wohl enden würde… da sah ich auch schon das Ende des Gangs. Er führte nach draußen, wo einige Leute um eine Tonne herumstanden, in welcher ein Feuer brannte und aus der ein Heizkörper herausragte.
Als wir nähertraten, sah ich auch, wofür das Stroh gebraucht wurde. Da war eine Art Pool aus Strohballen und Teichfolie konstruiert worden. Mit dem Heizkörper wurde das Wasser für den Pool erhitzt. Was eine gute Idee war, weil schon die ersten Schneeflocken vom Himmel rieselten und es viel zu kalt für einen unbeheizten Pool war. Eine selbstgebaute Sauna war auch noch da. So langsam war ich mir total sicher, dass das eine private Veranstaltung war. Aber unter den ganzen Leuten fielen wir beide nicht auf. Irgendwann drängte sich uns aber doch die Frage auf, wo wir hier eigentlich gelandet waren. Zwar hatten wir Angst, rausgeschmissen zu werden, aber die Neugier und Faszination war einfach zu groß.
Mein Bekannter, der schon etwas mehr gebechert hatte als ich, sprach den Typen, der neben uns stand, einfach an. Er fragte, wo wir hier eigentlich seien. Als ich die Antwort hörte, wollte ich am liebsten gleich weglaufen: „Das ist die Geburtstagsparty von Tim und Ole.“

Im ersten Moment war es mir so extrem peinlich, einfach in eine Geburtstagsparty reingestiefelt zu sein, wo ich niemanden kannte, geschweige denn eingeladen war.
Aber das legte sich relativ schnell, als die umstehenden Leute ein „Ihr stört nicht. Ihr könnt ruhig bleiben“ von sich gaben.
Es wurde noch ein richtig toller Abend. Wir unterhielten uns noch weiter mit dem Typen neben uns und tanzten mitten in der Menge mit den anderen Partygästen. Um Null Uhr wurde das Geburtstagskind per Crowdsurfing durch den Raum getragen. Es war ein tolles Gefühl, so integriert zu sein, obwohl ich dort eigentlich niemanden kannte.

An diesem Abend habe ich mich endlich mal richtig frei gefühlt.

Oft denke ich, dass ich Sicherheit und Kontrolle in meinem Leben benötige, um es irgendwie gut mit meinen psychischen Erkrankungen durchs Leben zu schaffen. Und manchmal merke ich dann gar nicht, mehr wie gefangen und eingesperrt ich mich dadurch fühle.

Ich habe schon öfter in Therapien oder von Freunden gehört: “Da, wo die Angst ist, da muss man lang”. An dem Abend habe ich es wirklich erlebt. Ich hab genau das gemacht, wovon mir meine Angst abriet – und es war toll !

Wahrscheinlich werde ich trotzdem noch ganz oft meinen Ängsten aus dem Weg gehen. Aber jetzt habe ich irgendwie Lunte gerochen und bin gespannt, was mich im Leben noch alles an schönen Erfahrungen erwartet, wenn ich die Angst als Wegweiser nutze – anstatt als Berater, der mich bisher schon zu oft in die Irre geführt hat.