Autor:in: Volker Brinkmann

Weihnachten demaskiert

 

Dieses Jahr mache ich mir keine großen Gedanken, wie das Fest der Feste abläuft. Die Corona-Pandemie gibt mir sogar in Bezug auf Weihnachten das wohlige Gefühl, nicht teilnehmen zu müssen.

Endlich ist man mal nicht dazu verpflichtet, sich auf Weihnachten zu freuen.
Es wird einfach an mir vorbeirauschen. Und selbst wenn ich an Heilig Abend ganz alleine bin, kann ich mir dieses Jahr sicher sein, mich vor niemanden rechtfertigen zu müssen. Ich verwirkliche schlichtweg mein Recht auf Einsamkeit.
Die Autonomie schlägt zurück – gegen den verordneten Gemeinschaftsfaschismus.

Meine Schwester denkt, wie immer, schon Ende November darüber nach, welche Geschenke wir unseren Eltern machen wollen. Ich denke, ich beschenke sie mit meiner Abwesenheit über die Feiertage. Da haben wir dann alle was davon.
Was man sich alles ersparen kann: Nichtssagende Familienidylle, drei Kilo Fett sowie Räume, die durch zehn Stunden Kerzenschein völlig Kohlenmonoxid-verseucht sind – denn ich gehe davon aus, dass uns selbst dieses Jahr die notwendige Lüftung, die schon vor vierzig Jahren Sinn gemacht hätte, verwehrt bliebe.

Mein Ziel für den Heiligen Abend: Zu Hause sitzen, mich und meine Mitbürger schützen, melancholische Weihnachtsmusik auflegen, Tiefkühlpizza im Ofen – begleitet vom edelsten Glühwein, den EDEKA zu bieten hat.
So muss dieser Abend in diesem Jahr ablaufen. Sich im völligen Verzicht auf Ambitionen einfach mal großartig fühlen. Und Karl Lauterbach ist auch zufrieden.

Zu schade, dass es dieses Jahr keine Böller gibt. Sonst würde ich kurz nach den Feiertagen noch zu gerne eine FFP-2-Maske in die Luft jagen. Nicht als schwachsinniger Querdenker-Moment, um es „denen da oben“ mal richtig zu zeigen. Sondern als infantiler, anarchistischer Akt, mit dem man sich all der Ordnungen entledigt, denen man sich in diesem Jahr letztlich doch demütig gefügt hat.
Hatte man nicht eh schon immer insgeheim die Sehnsucht, sich einmal wie Ebenezer Scrooge aufzuführen und jeden Besinnlichkeitsanspruch fahren zu lassen?
In diesem Jahr ist vieles möglich. Ein Jahr voller Reglementierung und Panik mündet in besinnungsloser Weihnacht. Warum auch nicht? Ich jedenfalls werde, wenn mir jemand am Heiligen Abend auf den Straßen Bremens gutgelaunt „Fröhliche Weihnachten!“ zuruft, mit einer Prise selbstgerechtem Stolz entgegnen: „Humbug!“

Und an Silvester laufe ich dann als Weihnachtsmann durch die Gegend – einfach, weil ich’s kann. Kann mir keiner verbieten. ´Ne Maske brauche ich dann auch nicht. Wäre ja noch schöner…

Maßnahmengerechte Feiertagsrebellion ist keine Utopie.