Autor:in: Andreas Römer

Geben und geben lassen… als die Börse wieder da lag

 

Wie kann man nur so dumm aus der Wäsche gucken – und das ne halbe Minute lang, die es dauerte, um zu realisieren, was sich da in meinem Briefkasten befand – obwohl die Kastenklappe weit offen stand. Also zwei Klappen, die offen standen (eine Klappe vor der anderen Klappe). Zaghaft streckt sich eine Hand diesem schwarzen Gegenstand entgegen, denn ich hatte ja einen weißen Briefumschlag erwartet. Und diesen schwarzen Gegenstand hatte ich gerade vorsichtshalber verloren gegeben (da ich ihn gestern verloren hatte), zu begehrenswert dessen Inhalt und zu utopisch die Annahme, der Finder würde sich meiner Situation gerecht verhalten – aber das hatte er nun scheinbar getan, wobei der Zufall es wollte, dass er sich den angemessenen Finderlohn gleich selbst herausnehmen konnte, bevor er das Portemonnaie (inkl. Ausweise) in meinen Briefkasten fallen ließ: Ein guter Deal, eine Win-Win-Situation. Sollte ich nicht aus diesem Grunde in Zukunft lieber etwas mehr Geld in meiner Börse vorrätig halten? Um den zukünftigen Finder zu nötigen, sein Plus-Minus-Gewissen, mittels geheimer Rückgabe der Börse zu erleichtern?

Ja, später kann man scherzen. Aber mein dummes Gesicht blieb tatsächlich noch eine ganze Weile so, selbst als ich meiner Freundin den wertvollen, da verloren geglaubten Gegenstand kurzerhand vorlegte und sie ebenfalls fassungslos war ob meines für sie unverschämt unverdienten Glückes.

Aber der Zeitpunkt für des Rätsels Lösung war doch einfach perfekt: Der Gegenstand hatte Zeit genug, um gefunden zu werden und der Finder hatte Zeit genug, um sich gewissenhaft etwas Geld zu verdienen. Und ich hatte die Zeit genutzt, um sämtliche Konsequenzen – falls Verlust oder Nicht-Verlust – durchzuspielen.

Und dies wohl zum letzten Male nach ca. 30 Jahren des Geldbörse-Herumtragens. Das moralische Gewissen mahnt, der Zenit sei schon längst überschritten. Das Gewohnheits-Gewissen hingegen hat sich bis heute gerechtfertigt mit einer funktionierenden Orga, die den Alltag relativ erleichtert hatte mittels Einfachheit und Wiederholbarkeit.

Oder war das schon ein zwanghaftes Gewissen: Alle evtl. erforderlichen Ausweise immer bei sich zu tragen?

Mittlerweile weiß ich doch morgens schon, wo ich im Tagesverlauf evtl. welche Karte bräuchte. Und da ich mich ganz aufs Radfahren verlegt habe, könnten Führerschein und Perso ebenso hübsch zu Hause an die Wand genagelt werden. Warum wohl trugen meine Lebensabschnittsgefährtinnen unzählige Brust-, Hand und Umhängetaschen im ständigen Wechsel, wenn nicht zur – allerdings optimiert gestylt und designten – Alltagsorganisation. Hätte ich es mir doch mal erklären lassen, anstatt verwirrt die Tasche zu halten, mal eben auf die Börse aufzupassen oder auf Geheiß, Tascheninhalte zu studieren.

Die harten Lektionen auf dem Wege zum  routinierten Tauschmittel- und Ausweisbenutzer blieben auch mir nicht erspart – in meiner ewigen spätpubertären, einem verhassten reglementierenden Kontrollsystem zum Trotze. Wie oft bin ich schon belebte Fahrradwege und einsame Strandwege mit künstlich gesteigerter Aufmerksamkeit abgefahren und abgelaufen – des nachts mit Taschenlampe – und habe mir das Hirn zermartert, aber auch neue Bewältigungsstrategien entwickelt.

Der einst viel bemutterte, alltags behinderte Sohn schafft sich sein eigenes Karten-Schubladen und Ausweis-System, um in der ihn behindernden Welt zurechtzukommen. Plötzlich öffnen sich ungeahnte Schranken und Tore, heißt man ihn überraschend und – absichtslos – willkommen. Und der Lehrplan des Alltags lässt sich nun in angenehmer, angemessener, Leichtigkeit erfüllen.

 

Unterdessen hat mein Verarbeitungssystem unter dem Motto „wie zerronnen so gewonnen“ das Leben in seiner Paradoxität  einmal mehr zur Kenntnis genommen und empfiehlt, zur Tagesordnung überzugehen. Gelenke, Gewebe und Muskeln werden geschmeidig. Überraschend schnell kehrt die gedankliche Flexibilität zurück.

Heute wäre ich ja – trotz alledem – zur gewohnten Zeit mit dem Fahrrad ins kalte Grau gestartet, um zu sehen, wie weit mich die gewohnte Struktur meiner geregelten Beschäftigungsangebote über den Verlust meiner Ausweise hinweg tragen kann.

Aber wie war das denn früher, als ich noch zusätzlich mit drohendem Verlust dieser notwendigsten Alltagsstützen laborierte? Kränkelnde Lehrer, kränkelnde Kollegen, kränkelndes Wetter.

Da war dann eine handwerkliche oder zumindest körperlich entsprechend entlohnte Arbeit kompensatorisch der reinste Segen.  Arbeiten statt abzustürzen.

Doch mehr war es nie, denn meine eigentliche Arbeit war immer eine andere als die der anderen.

 

Also trete ich wieder entspannt in die Pedale. Ich spüre mein Gesäß und die daran befindlichen Taschen, in denen sich fortan weder lockere Ausweise, noch lockeres Geld, befinden. Wie konnte ich alter Trotzkopf, bzw. spät pubertierender, mich von so einem Karten-auf Abruf-vorzeige-System korrumpieren lassen. Mutter hatte immer Opa zitiert, von wegen „man müsse doch immer was in der Tasche haben“. Und wer weiß, von wem der das wiederum hat (hatte ihm sowieso nix genutzt, als ihm die Nazis alles wegnahmen).

Das Missverständnis lag also wieder mal in der Herkunftsfamilie.

Aber gut, das Wach- und Schließ-System hat 30 Jahre lang funktioniert. Und jetzt freue ich mich über den Wink mit dem Zaunpfahl, der mich eine schlechte, oder zumindest sehr alte, Gewohnheit über Bord werfen lässt.