Gelebte Selbsthilfe…

 

Weglaufhaus-Initiative-Ruhrgebiet e.V. (W.I.R.) / Landesverband Psychiatrie-Erfahrene e.V. NRW (L.P.E.) und der Bundesverband Psychiatrie-Erfahrene e.V. (B.P.E.) …in der Anlaufstelle Bochum

 

Für mich ist die Bochumer Anlaufstelle das Herzstück des Bundesverbandes Psychiatrie-Erfahrener e.V.. Zum einen ist hier die Verwaltung des gesamten B.P.E. mit seinen knapp über 1000 Mitgliedern deutschlandweit zu finden. Aber in der Anlaufstelle Bochum sind auch der  Landesverband Psychiatrie-Erfahrener NRW e.V. und die Weglaufhaus-Initiative-Ruhrgebiet tätig. Neben Köln, wo nun auch schon seit zehn Jahren eine Anlaufstelle mit Krisenzimmern existiert, ist die Anlaufstelle Bochum einer der wenigen Orte in Deutschland, an denen Menschen ziemlich bedingungslosen Schutz vor der Psychiatrie finden können. Seit Anfang der Neunzigerjahre wird hier aktive Selbsthilfe betrieben. Anfänglich in Form regelmäßig stattfindender Selbsthilfegruppen. Dann kamen offene Café-Treffen dazu. Ab 1994 wurde Krisenbegleitung naheliegender und notwendiger Gegenstand einer Psychiatrie-kritischen Arbeit.

Anlaufstelle Bochum heute
Zweimal die Woche gibt es ein offenes Café und drei wöchentlich stattfindende Selbsthilfegruppen „Selbsthilfegesprächsgruppe für Psychiatrie-Erfahrene“, Selbsthilfegruppe: „abtauchen-Versenkung: Achtsamkeit, Tee, Reis, Meditation“ und ganz neu: „Gruppe für Junge (18 – 35 Jahre) Psychiatrie-Erfahrene“. Einmal wöchentlich gibt es ein Computertreffen und monatlich ein Nutzer*innen-Plenum. Eigentlich ist immer wer da und immer was los. Es wird geredet, zugehört, gekocht, Kaffee… getrunken, Kuchen gegessen, gearbeitet, gelacht, geweint, diskutiert, gemalt, inneres und äußeres Chaos gestaltet, wieder aufgeräumt und in letzter Zeit oft umgezogen.
Neben dem alltäglichen Geschehen dieses Ortes organisieren verschiedene Mitglieder des L.P.E. NRW, aber auch Mitglieder des B.P.E. in anderen Städten verschiedenste Telefonberatungen, zu „ergänzender unabhängiger Teilhabeberatung“, „Erstkontakt und Beratung“ , „EX-IT- Das psychiatrische System verlassen“ , „allgemeine Beratung“, „Selbsthilfe bei Psychosen“, „Psychopharmaka-Beratung“, „Rechte Psychiatrie-Erfahrener“ und „mit Suizidgedanken leben? Suizidalität und Selbsthilfe“. (Die Telefonzeiten; siehe Hilfekompass: Selbsthilfe)

Der B.P.E. hat viele nützliche Texte und Broschüren rund um Selbsthilfe und Emanzipation von der Psychiatrie veröffentlicht. Seit 2000 gibt es den jährlich am 2.10. stattfindenden Gedenktag der Psychiatrie-Toten und ebenfalls werden Mad-Pride-Paraden mit organisiert. Jährlich gibt es Selbsthilfetage in Bochum, Köln und Herford. Dreimal im Jahr erscheint die Zeitung des L.P.E. NRW – ‘Der Lautsprecher’. Der B.P.E. gibt 4x jährlich den Rundbrief raus.

Krisenbegleitung
„Du kannst dich anlehnen, ich mag dich stützen, aber tragen will ich dich nicht, ich mag mit dir Dasein, nicht für dich Dasein, ich mag dir helfen, aber nicht dich retten und wir müssen uns nicht schämen, nicht funktionieren und nicht irgendwie sein…“
(Liebeslied, Früchte des Zorns)

Die Haltung der Menschen, die den Anlaufstellencharakter prägen und tragen: minimale Regeln und Beschränkungen, maximale Selbstbestimmung. Gewalttätigkeiten u.ä. unsolidarische Handlungen gegen Menschen und Räumlichkeiten sind selbstverständlich nicht tragbar, Drogen und Alkohol aus Erfahrungen auch nicht. Selbsthilfestrukturen sind kein Dienstleistungsunternehmen, in dem „abgegeben“ und „übernommen“ wird. Eigenverantwortung für Gefühle, Gedanken und den Umgang mit sich selbst bleibt immer und überall. Fast alle Menschen, die es wollen, werden aufgenommen. Während häufig spätestens beim Thema Suizidalität, Menschen ihre Autonomie abgesprochen wird und „Profis“ aus „Fürsorge“ diese dem Menschen geraubte Verantwortung übernehmen, ist Suizidalität in Bochum kein Ausschlusskriterium. Gerade Entmündigung ist ein destruktives Element, das in den Suizid treiben kann. Gesellschaftlich Suizidalität zu individualisieren, zu pathologisieren und Sprach- sowie Denkverbote zu erteilen ist absurd sowie gefährlich, wenn wir betrachten, dass in Deutschland 100.000 Menschen jährlich Suizidversuche unternehmen und 10.000 Menschen durch Suizid sterben.

Grob 80% der Zeit werden die Krisenzimmer genutzt. Drei Monate können Menschen in einem der Krisenzimmer verbringen. Jahrelang wird dabei auf viele positive sowie negative Erfahrungen geblickt. Sich aufzuladen, dass jede Krise/Krisenbegleitung „erfolgreich“ enden muss, wäre ein Anspruch, der in der Realität nicht erfüllt werden kann. Die Psychiatrie ist eine armselige Lügnerin, wenn sie behauptet, Menschen retten zu können. Oft tut sie genau das Gegenteil und zerstört Menschen. Die Anlaufstelle ist ein Schutzraum, der durch die Gemeinschaft der Menschen, die zusammenkommen, getragen wird. Ein dynamischer Ort, an dem Menschen mündig sind. Diese Qualität von Begegnung lässt sich schwer in Worte packen.

In unserem kapitalistischen Gesellschaftskäfig werden natürliche Gemeinschaften wie Familie, Bekanntenkreise und Nachbarschaft mehr und mehr zerschlagen und Menschen, die nicht mehr „funktionieren“, fallen aus Bezugssystemen heraus und/oder werden häufig an Institutionen „übergeben“. Orte wie die Anlaufstelle in Bochum wirken dem entgegen. Vieles läuft richtig gut. Bekanntlich sind Utopien in der Realität keine einfache Sache. Tage mit Menschen verbringen frisst Ressourcen und ist nur begrenzt möglich bzw. von solidarischen Menschen abhängig, die bereit sind, „Schutz-Räume“ zu schaffen, Selbsthilfe und Krisenorte zu leben.

Ich bin fasziniert davon, was in Bochum aufgebaut und kultiviert wurde/wird. Ich finde in den Bochumer Strukturen viel davon, was in Bremen fehlt. Gelebte Selbsthilfe statt „Psychiatrie 2.0-Bewegungen“ und anderen Verarschungen des psychiatrischen Systems.
Anti-psychiatrische Familien und Schutzbünde für ein Weglaufen vor gesellschaftlichen, psychiatrischen, … Zuschreibungen, Prozessen und Zwängen.

 

Mehr Infos unter:

www.psychiatrie-erfahrene-rw.de
www.weglaufhaus-nrw.de
www.bpe-online.de