Autor:in: Monika Rosada

EX-IT – Wege aus psychiatrischen Abhängigkeiten

Im August 2018 fand im Paradox, Bernhardstr. 12 in Bremen, ein Workshop für Psychiatrie-Erfahrene statt. Zu verdanken hatten wir diese Veranstaltung der psychiatrie-kritischen Gruppe Bremen um Julia Benz. Veranstalter war EX-IT, ein Projekt des Bundesverbandes Psychiatrie-Erfahrener e.V., Bochum. Der Titel lautete: „Wege aus psychiatrischen Abhängigkeiten.“ Der Referent war Martin Lindheimer, Selbsthilfekoordinator der Anlaufstelle Rheinland in Köln.

Zunächst: Was ist dieses Projekt eigentlich? Dazu die Selbstbeschreibung:
EX-IT will raus aus der Psychiatrie und nicht rein. Das Projekt soll ein Wegweiser und Ratgeber sein, um für sich selbst verantwortlicher als bisher zu leben.
Ziel ist es, dauerhaft Psychiatrie-Aufenthalte zu reduzieren oder ganz zu vermeiden – und damit selbständiger und freier zu leben. Weniger ambulante Hilfsdienste zu nutzen, im Austausch mit einer eigenständigen Lebensführung, ist auch erstrebenswert.

Weitere Infos unter:
www.ex-it.info

Der Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener beschreibt sich kurz so:
„Wir sind ein Verein, der sich für die Rechte von Menschen einsetzt, die in die Fänge der Psychiatrie geraten sind oder waren. Wir kämpfen für die freie Wahl der Therapie und ein selbstbestimmtes Leben. Der Zusammenschluss besteht seit 1992. Häufig braucht es Wissen, Unterstützung und Mut, um einen Weg jenseits psychiatrischer Einrichtungen zu gehen. Das Projekt ist kein Betreuungsangebot.“

Nähere Infos unter:
www.bpe-online.de

Und auf Facebook:
www.facebook.com/derBPE

Nach der Begrüßung der 18 Interessierten wurde der voraussichtliche Ablauf der sechsstündigen Veranstaltung dargestellt. Zunächst stellten sich die einzelnen Teilnehmer*innen vor. Tatsächlich waren auch zwei politische Vertreter*innen anwesend. Da der Workshop kostenlos war, es aber sowohl Getränke, Knabbereien und auch ein leckeres Mittagessen für alle gab und der Raum auch nicht ganz kostenlos gewesen war, wurde um freiwillige Spenden gebeten – halt so, wie jede/jeder konnte.

In dem Raum wurden unter anderem folgende Fragen gestellt: Gibt es überhaupt persönliche Einflussmöglichkeiten auf die Dauer bzw. überhaupt auf Psychiatrie-Aufenthalte und wenn ja, wieso werden diese nicht von der Psychiatrie selbst vermittelt?

2011 stellte die BARMER/GEK bei der Auswertung ihrer Versichertendaten fest, dass über 20% der Entlassenen aus der Psychiatrie innerhalb von drei Monaten wieder eingewiesen wurden und 42% in einem Zeitraum von zwei Jahren wieder in der Psychiatrie landen. Drehtürpsychiatrie – wie kann man die stoppen? Welche individuellen Möglichkeiten gibt es?

Wen es interessiert:
Der ausführliche Krankenhausreport der Barmer aus dem Jahr 2011 ist 221 Seiten lang und hier
https://bit.ly/2UN05J8
zu finden.

Auch die vielen, scheinbar harmlosen Sozialhelfer kommen auf den Prüfstand: Was bringen sie?

Martin Lindheimer berichtete, dass es in jedem Jahr eine Million Einweisungen in die Klinik gebe und dass sich die Zahl seit Jahren nicht verändern würde. Von diesen Menschen seien 200.000 nicht freiwillig dort. Die Verweildauer würde zwar insgesamt abnehmen, aber die Zahl der Einweisungen würde tendenziell steigen. Jeder dritte Mensch solle eine psychiatrische Diagnose haben.

Wir versuchten die Frage zu klären, wo die psychiatrische Abhängigkeit eigentlich anfängt. Immer wieder entbrannten heiße Diskussionen. Letzten Endes ist jeder selbst gefordert, dafür zu sorgen, dass man nicht wieder in die Klinik kommt. Großes Thema war dabei die Hilfe zur Selbsthilfe. Wie sorge ich für mich, was brauche ich? Ein guter Spruch, der auch auf der Homepage von EX-IT zu finden ist, lautet: „Die hilfreichste Hand hängt an deinem eigenen Arm!“

Also, was brauchen wir? Eine kleine Auswahl aus den Beiträgen: Umgang mit Krisen finden; den Trigger versuchen zu umgehen (z.B. keine Nachrichten schauen); Umgang mit Stress/Überforderung (rechtzeitiges Erkennen…); das Umfeld – also Freunde, Vertraute, Familie – zur Unterstützung in Anspruch nehmen (z.B. einen Ablauf für, während und nach der Krise schriftlich festlegen, Patienten- und Betreuungsverfügung erstellen); „Frühwarnlisten“ erstellen; folgende Fragen könnte ich mir stellen: Wie finde ich mich? Wie geht es mir? Wie nehme ich mich wahr? Wie nehmen andere mich wahr? Welchen Anteil haben andere daran?; unter Umständen muss man seine Wohnform hinterfragen; und letzten Endes: ICH bestimme, ob ich in der Krise bin, sonst keiner!

In diesem Zusammenhang ist auf „Antidepressiva Forum Deutschland“ hingewiesen worden.
Die Homepage des Antidepressiva Forums:
www.adfd.org

Hier tauschen sich Betroffene und Angehörige aus, die sich über Nebenwirkungen und Absetzsymptome von Psychopharmaka informieren wollen. Ebenfalls wurde kurz auf das Weglaufhaus in Bochum eingegangen. (Auf Seite 52 findet sich ein Artikel von Julia, in welchem sie dieses Haus vorstellt)

Ebenfalls wurde die gesellschaftliche Wechselwirkung in Sachen Krisen und Psychiatrie beleuchtet. Wie viel Einfluss hat das Außen/mein Umfeld auf meine Genesung bzw. auf die Entstehung einer Krise? Auch hier wurde wieder lange und ausführlich diskutiert, verschiedene Sichtweisen beleuchtet. Einige Beiträge fasse ich kurz zusammen: Menschen sollten nicht in Armut leben; Druck, Arbeitszwang, Sozialleistungsbedingungen; gesellschaftlicher Konsens (Übereinstimmung), z.B. Was ist „Normalität“?; Auffälligkeit und Andersartigkeit durch Mangel an gesellschaftlichen Ressourcen (Mitteln); Mangel an stabilisierenden Lebensverhältnissen; Stigmatisierung = Abstempeln; Wohnungsnot und Ghettoisierung; das Umfeld erkennt keine Ver-Rücktheit, geht damit nicht um; mangelnder gesellschaftlicher Zusammenhalt; die Psychiatrie behauptet, dass nur sie die Experten seien.

Die Fragen, die sich alle stellen sollten, sind: Wie kann der „Machtlose“, also der Patient, es bewerkstelligen, dass er das bekommt, was er sich wünscht; und was sind meine persönlichen Überlebensstrategien?

Das war eine tolle Veranstaltung, die von dem regen Austausch aller Beteiligten gelebt hat. Wir waren alle ziemlich fertig und kaputt und haben auch „schon“ eine halbe Stunde früher den Workshop beendet.

Martin Lindheimer hat viel zu erzählen und er ist sehr kompetent. Es wäre schön, wenn es noch einmal eine vergleichbare Veranstaltung geben könnte. Ich bin Julia Benz sehr dankbar dafür, dass wir in den Genuss so einer guten Veranstaltung gekommen sind. Außerdem ist ihr nicht genug zu danken für ihr Engagement, diesen Workshop nach Bremen zu holen und den damit verbundenen Aufwand. Sie hat die Vorbereitungen getroffen, hat uns alle mit selbstgemachter Pizza versorgt und so weiter und so fort….. Was wäre die Szene ohne solch engagierte Menschen? An dieser Stelle mal ein Dankeschön an alle, die u.a. mit ihrem Tun einen großen Anteil an der Veränderung der Psychiatrie haben!