Autor:in: Irmgard Gummig

Hellgelbe Seele – Einblicke in eine dissoziative Persönlichkeit

 

Ein kleines zartes Mädchen wurde geboren, in eine Umbruchzeit hinein, bei Eltern, die Ideale, Revolution und Optimismus im Kopf hatten. Es war wie ein Sonnenschein, im Inneren jedenfalls. Von Außen bekam es Schmerz und Trauer von der Mutter zu spüren, und Ablehnung irgendwie, sie hatte gerade ein Mädchen verloren und wollte kein anderes, vom dem Vater … sprechen wir lieber nicht. „Ein Mädchen“ sprach er … komisch aus. Dann, als das Mädchen trotz der Armut, den misslichen Umständen, ein wenig gewachsen war, wurde es kaputtgemacht.

Zerbrochen, von den eigenen Eltern und Anderen.

Missbrauch und Gewalt musste es erleben. Aber es hat überlebt, trotz alledem. Bis jetzt. Es ist gelungen, weil diese kleine Seele in den ganzen schlimmen Situationen angefangen hat, eine Strategie zu entwickeln, um zu flüchten, obwohl das real nicht möglich war. Es wurden, um der Angst, dem Schmerz, den Gewalttaten zu entgehen, Innenpersonen entwickelt, die dem Mädchen die Möglichkeit gaben, in Gewaltsituationen zu Switchen, so dass zwar der Körper da war, aber der Geist, die kleine hellgelbe Seele, sich in andere Sphären sozusagen, nein, in andere Personen, die sie bildete im Geiste, retten konnte. Dies geschah unbewusst, entwickelte sich aber zum Glück zur Überlebensstrategie. Da Gewalttaten seit frühester Kindheit und über einen langen Zeitraum passierten, wurde diese Strategie ein fester Bestandteil der Persönlichkeit des Mädchens, der Frau später. Sie kannte nichts anderes, empfand den Zustand als normal, dachte, das ist bei allen Menschen so. Nach vielen Lebensjahren aber wurde mir, Frau, bewusst, dass etwas anders ist, bei mir. Vorsicht, verstecken, nicht benennen, Gefahr, nicht zeigen, sonst werden wir weggesperrt, für verrückt und böse und schuldig erklärt, alle Drohungen werden wahr.

Irgendwann schaffte ich, Frau, mit meinen ganzen Teilen innen  also nach meinem Empfinden WIR  es, uns Hilfe zu holen. Anfangen zu reden, was passiert ist, wie das Erleben ist, und Zusammenhänge erkennen. In den ganzen letzten Jahren sind wir nun dabei zu heilen. Harte, konzentrierte Arbeit ist notwendig, um umdenken zu können, ein anderes Bewusstsein für die eigene Person zu entwickeln, friedlich und achtsam mit mir selbst zu sein, den Rest meines Lebens anders zu gestalten. Unter dem Einfluss der Traumatisierungen und den daraus resultierenden Erkrankungen zu leben, wird immer ein Teil meines Lebens sein. Aber ich möchte erreichen, dass dieses die Dominanz verliert. Also: Umdenken, um handeln, umsehen, umgestalten, nicht mehr verstellen, verstecken. Nicht mehr schuldig fühlen, wie es lange eingebläut wurde.

Ich sein. Irgendwie ein wenig normal zurechtkommen.

Da ich es zulassen konnte, dass sich mein Leben in den letzten Jahren nach außen hin vollkommen verändert hat, können wir uns jetzt die Zeit für mich nehmen, um zu lernen, wie wir heilen könnten. Dazu nutze ich Vieles. Wissen aneignen, Menschen Vertrauen entgegenbringen lernen, Hilfe annehmen, und ganz wichtig: Freude zulassen, Situationen, in denen es schön ist und die mir besonders gut tun und einfach mal Spaß machen, ganz besonders zu bewahren, zu stärken. Zu sagen „Es ist wie es ist“, aber ich bestimme mein Leben und nicht die Vergangenheit. Leicht gesagt, Schwerarbeit getan. Aber es zahlt sich aus, wenn man sich traut.

Viele Situationen im Alltag sind sehr anstrengend zu handhaben, weil diese für mich im Hintergrund immer begleitet werden von den alten Geschichten. Ich bin irgendwie niemals allein, wenn ich da bin, immer begleiten mich meine ganzen Innenpersonen, die mir geholfen haben zu überleben. Heute ist es immer noch so, dass Situationen im Alltag Triggern, also Auslöser sein können in dem Sinne, dass sie an alte Situationen erinnern. Es sind manchmal nur Kleinigkeiten, ein Geräusch, Geruch, eine Stimme, eine Bewegung im Hintergrund, ein Wort nur, Ähnlichkeiten bei Personen, die an früher erinnern. Dann passiert es blitzschnell, dass wir von der alten Angst übermannt werden. Ausweglosigkeit macht sich breit und die Realität wird nicht schnell genug von mir erkannt. Dann passieren auch wieder Wechsel zu den Inneren, Switchen. Es wird blitzschnell auf alte Handlungsweisen, alte Lösungen, aus Gefahren Situationen zu gehen, zurückgegriffen. In dem Moment kann nicht unterschieden werden, dass gar keine Gefahr mehr besteht. Ich bekomme es nicht immer mit, das gerade so was passiert. Dann dauert es und erfordert konzentrierte innere Arbeit von mir, um aus solchen Situationen wieder herauszukommen und die Realität erfassen zu können. Diese Arbeit bedeutet, dass ständige Spannung da ist bei mir, ständige „Hab Acht Stellung“, um nicht die Kontrolle zu verlieren. Aber wie gesagt gelingt das nicht immer. Die Angst, dass gesehen wird, wie ich „ticke“, dass andere sehen, wie beschädigt ich bin, ist groß. Angst, andere Menschen zu sehr zu erschrecken und wieder dafür verurteilt zu werden, weil ich benenne, was passiert ist. Angst, zusammenzubrechen und es nicht zu schaffen zu überleben, weil dieses Schuldgefühl und Zerstört sein nicht aufhört, trotz allen Mutes.

Im Gegensatz dazu aber entwickelt sich nun etwas anderes. Es gab schon einige Situationen in letzter Zeit, die wir als sehr bedeutungsvoll empfunden haben. So … Mikrosekunden … Sie sind entstanden aus einigen meiner „Arbeitssituationen“. Diese meine Arbeit hat erst bewirkt, dass diese Mikrosekunden entstehen konnten. Zuerst habe ich es so erlebt, dass ich aus meinem Denken Gesprächen von außen nach innen mit einmal ganz kurz ein Gefühl mit weniger Anspannung, friedlicher Ruhe erlebt habe. Dann begaben sich viele Innenpersonen ganz kurz und schnell auf die innen geschaffene, imaginäre Wiese, legten sich entspannt nieder, die Arme hinter den Köpfen verschränkt, und so ein gemeinschaftliches Gefühl von Ruhe, Frieden, Sicherheit entstand. Es konnte entstehen, weil ich Vertrauen haben konnte, in mich und das, was ich tue, und andere Menschen, nicht perfekt sein muss, sondern eben an nehmen, dass ich bin wie ich bin. Das war das erste Mal ein Empfinden wie Urlaub machen für mich. Nichts anderes, was ich real in meinem Leben so bezeichnet habe, war vergleichbar damit.

Unglaublich, könnte es doch sein, dass es tatsächlich möglich ist zu heilen?

Solche Situationen zu bewahren ist mein Wunsch. Das geht ja nicht einfach weg, was in mir ist, ich muss nur lernen damit zu leben.

Stress mit Gefühl verbunden ist besonders anstrengend für mich zu handhaben im Alltag. Gefühl zulassen war ja früher immer mit Gefahr verbunden.

Aus einer Stresssituation mit ganz viel Gefühl ist es passiert, dass mit einmal  als ich mich getraut habe, das Gefühl zulassen konnte als das Gefühl angefangen hat sich auszubreiten, dass mit einem mal ich „dageblieben“ bin, nicht vor lauter Angst gewechselt in andere Innenperson, die reale Außenperson konnte stabil bleiben. Es war totales Gewusel in mir durch meine Teile innen, Lärm von innen entstand, unglaublich heftig, wie fast immer bei Aufregung. Dann passierte ein Umsehen von innen nach außen, aufgeregtes umher rennen, Grenzen verschwimmen innen. Beruhigen, vermitteln von mir nach innen, dass alles in Ordnung ist, keine Gefahr besteht, dann ruhiger werden innen, murmeln und alle, die ganzen verschiedenen Anteile, wirklich alle, fingen an, sich an mich, an mich “Körper” anzuschmiegen, mit so einem Gefühl des unglaublichen Urvertrauens, dass wirklich unglaublich überwältigend ist und für mich bis jetzt vollkommen unbekannt oder verloren gegangen war.

Dieses Eins Sein.

Und alle, alle, alle schmiegten sich mit diesem Urvertrauen an mich, und das war so ein Gefühl wie zusammenwachsen, heilen. Die äußere Grenze erhalten zu können und nach innen genug Sicherheit vermitteln, zu schaffen die Realität zu bewahren, war unglaublich. Von Weitem hätten andere Menschen vielleicht eine Person erkannt, nach meinem Empfinden waren es Alle, die an mir, um mich klebten, angeschmiegt in friedlichem Vertrauen.

Im Vertrauen auf mich, darauf, dass ich es schaffe, dass ich es richtig mache. Unglaublich.

Sekunden  ein Augenblick vielleicht nur, aber festhalten  und nachklingen  klingen lassen. Das ist es  das lässt mich tatsächlich ein klein wenig glücklich sein.

Meins ist es und ich bin in Farben  hellgelbe Seele. Mit Klang, Elgar: Salut d`amour.

Vielleicht war ich so da von Anfang an. Ich bin mir sicher. Und jetzt ist es wieder zu sehen.