Autor:in: Sue

Interview: Was dissoziative Störung bedeutet

 

Sabine Weber und Irmgard Gummig berichten

 

Meine erste Frage an dich, Sabine, wäre: Wann wurde dir bewusst, dass deine Persönlichkeit anders ist als die anderer Menschen?

Sabine: Richtig bewusst ist es mir geworden, als ich in traumatherapeutischer Behandlung war, dort wurde mir gesagt, dass ich eine strukturelle Dissoziation habe. Ein Gespräch kann normal wirken, auch wenn ich nicht da bin, und nicht mehr weiß, was ich gesagt habe. Ich erinnere mich da auch an eine Situation in meiner Buchhändlerlehre. Eine Klassenkameradin fragte mich: Und, wie fandest du mein Referat, und ich fragte: Welches Referat? Da gab es ein an die Wand projiziertes Bild, das bei mir getriggert hatte, danach war ich weg. Die Klassenkameradin dachte nun, ich mache mich über sie lustig.

An dieser Stelle unterbrechen wir das Interview. Mein Vorgehen, direkt alles in meinen Laptop zu tippen, blockiert die Teilnehmerinnen. Wir beschließen, statt dessen aufzuzeichnen. Erst einmal geht es nicht weiter, Irmgard verlässt kurz den Raum, dann Sabine. Wir überlegen, ob wir das Gespräch abbrechen. Meine Frage, die zurückführt zum ersten bewussten Erleben, irgendwie anders zu sein, löst etwas aus, macht alte Verletzungen wieder stärker spürbar, kann nicht so ohne weiteres beantwortet werden. Sabine und Irmgard erklären, dass sie dissoziieren müssen, um das Gespräch zu führen. Sabine nimmt im Verlauf des Gespräches dann ihren Schutzmechanismus einer aggressiven Abwehrhaltung ein, Irmgard bleibt geöffnet, ist dabei aber sichtlich aufgewühlt, aber wir schaffen es, das Gespräch weiterzuführen.

Irmgard: Im Kindheitserleben gab es immer wieder Situationen, in denen ich nicht wusste, wo ich auf einmal war oder wie dorthin gekommen. Ich dachte aber, das ist bei allen so. In meiner medizinischen Ausbildung arbeitete ich auch in einer psychiatrischen Einrichtung. Ich traf Menschen mit der Diagnose „Schizophrenie“ und ich hatte inzwischen auch fachlich dazu einiges erfahren. Ich dachte, irgendwie ist da auch etwas bei mir so, nur irgendwie schon anders, eigentlich viel schlimmer. Aber das darf hier niemand erfahren, sonst werden wir weggesperrt. Ich sah mich bereits als „wir“.

Ich weiß aus Psychosen, dass man da manchmal Dinge tut, die man später anderen Menschen nur schwer erklären kann, wo man schließlich etwas preisgeben muss von der persönlichen Schwierigkeit. Welche Reaktionen erfahrt ihr, wenn ihr versucht zu erklären, in welcher Weise ihr anders seid?

Sabine: Einmal hatte ich mich mit einer Frau verabredet, ihr Kind abzuholen, aber es dann vergessen, es war völlig aus meinem Bewusstsein verschwunden. Diese Frau war darüber sehr aufgebracht und konnte nicht verstehen, warum so eine wichtige Verabredung von mir nicht ein gehalten worden war. Ich konnte ihr das damals auch nicht erklären, ich wusste es noch nicht wirklich. Ich weiß es eigentlich erst sei drei Jahren.

Irmgard, wenn du dich als „wir“ bezeichnest in einem Gespräch oder in einem deiner Texte, kommt es ja schon mal vor, dass dich jemand korrigiert. Was sagst du dann? Erklärst du etwas dazu, oder meistens eher nicht?

Irmgard: Manchmal traue ich mich zu sagen, wir sind erkrankt, durch bestimmte Sachen, die früher passiert sind, manchmal werde ich auch konkreter. Ich weiß auch erst seit einigen Jahren, was eigentlich mit mir los ist.

Glauben die Menschen dir?

Irmgard: Nein. Man ist schizophren oder verrückt.

Sabine: Ich habe bis zu meinem 18. Lebensjahr in einer Atmosphäre gelebt, in der ich nur überleben konnte, weil ich dissoziiert habe, tausendmal am Tag.

Was kann man einem Menschen raten, der feststellt, ich bin nicht nur ein bisschen verträumt, ich dissoziiere sehr stark und ich brauche Hilfe?

Sabine: Um mal Klartext zu reden, wir reden hier von Traumatisierung, von extremster Traumatisierung, da kann man nicht mit irgendwelchen Tipps kommen. Ich bin 51 Jahre, seit 30 Jahren bin ich in Therapie, das ist die Realität. Ich achte auf eine gesunde Lebenshaltung, gesunde Ernährung, ausreichend Bewegung, ich fahre viel Rad. Alltagsbewusstsein. Abschirmung, ich schaue nicht fern, höre auch nicht Radio, Informationen, die ich brauche, hole ich mir ganz gezielt aus dem Internet. Ja, Reizabschirmung.

Wie findet man zum Beispiel einen Therapeuten, der das Phänomen kennt und damit umgehen kann?

Irmgard: Was war die Frage? Es würde mir helfen, wenn du die Fragen öfter wiederholen könntest.

Wie hast du einen für dich geeigneten Therapeuten gefunden?

Irmgard: Jahrzehntelang haben wir es allein versucht, mit unseren Überlebensstrategien den Alltag zu bewältigen. Dabei immer wieder Suizidgedanken. Schließlich sagte ein Arzt: Sie brauchen Therapie. Wir haben mit Verhaltenstherapie angefangen. Wir kannten jetzt die Ursache für unsere Schwierigkeiten: Missbrauch, Vergewaltigung, Gewalt. In Bremen haben wir dann Kontakt zu Schattenriss aufgenommen. Da haben wir eine Liste mit Namen von Traumatherapeuten bekommen. Das war vor 15 Jahren. In dieser Therapie wurde benannt, was das für eine Erkrankung ist. Dabei Suizidgefahr, wir mussten ins Klinikum Ost, da hat man uns immerhin geholfen, zu überleben. Danach sind wir dann ganz schnell in die Heines Klinik. Hier konnten wir nichts mehr verbergen, hier konnten wir anfangen, aufzuarbeiten. Zur ambulanten Therapie wurde uns Traumatherapie geraten.

Sexueller Missbrauch ist dann wohl der Grund für die Traumatisierung, die zur Dissoziation führt, da möchte ich euch fragen, wenn ihr antworten mögt…

Sabine: Nein, das kann man so nicht sagen, Traumatisierung entsteht durch die ganze Alltagssituation, man wird an geschrien, beleidigt, tagelang gab es bei uns nichts zu essen. Meine Schwester wurde von meiner Mutter angebrüllt: Du blödes Gör, hätte ich dich doch abgetrieben, sie wurde aus dem Fenster geworfen, Glas splitter, Blut, Notarzt… da zerfällst du.

Irmgard: Nach meinem Wissen entsteht DIS auf jeden Fall als Folgeerkrankung von Extremtraumatisierung durch Missbrauch und andere Gewalterlebnisse.

Ja. Ihr habt beide sexuellen Missbrauch erlebt, und, wenn es nicht zu persönlich ist, würde ich euch gerne fragen, ob da eine Partnerschaft eurer Erfahrung nach erfüllend erlebt werden kann.

Beide: Nein! Das geht nicht so ohne weiteres.

Sabine: Auf der Borderlinestation gibt es die Androgynen, die Magersüchtigen, die Esssüchtigen. Asexuelle oder Sexsüchtige. Sex sucht ist auch eine schlimme Sucht. Manche gehen in die Prostitution, peitschen andere aus, um sich zu rächen.

Aber ihr habt es ja beide geschafft, in Partnerschaften zu leben?

Sabine: Ich habe viel gewechselt, bin immer wieder rausgegangen.

Aber Irmgard, du hast geheiratet, nicht wahr?

Irmgard: Es ist keine normale Partnerschaft. Du erlebst es gar nicht real, dass du mit einem Mann zusammenlebst. Ganz viel passiert mit Dissoziation. Ich habe auch meine Kinder unter Dissoziation bekommen. Meine Tochter war geboren, und wir mussten eine Hilfsperson schaffen, die das Kind versorgt, denn wir waren ja gar nicht da. Die Partnerschaft mit dem Vater meiner Kinder ging relativ gut, aber sie war nicht sehr lange, er verstarb ja sehr früh. Aber es sind auch schreckliche Sachen mit Männern passiert, wo ich nicht wusste, wie ich da rein geraten bin. Man wacht auf und weiß nicht, wie man dahin gekommen ist. Später versuchte ich noch einmal, mit einem Mann zu leben, aber es war nicht möglich. Man muss irgendwie alles zusammenhalten, um in der Realität zu bleiben, Hingabe, Loslassen, würde alles durcheinander bringen. Wenn der Partner erlebt, dass wir uns immer wieder anders verhalten, ist er verstört, schockiert, abgeschreckt. Mein Partner sagte dann schließlich: Ich kann damit nicht umgehen, ich schaffe das nicht mehr, es zerstört mich.

Sabine: Ein Freund, mit dem ich länger zusammen war, sagte mal: Ich weiß nie, wer mir abends die Tür öffnet.

Irmgard: Man kommt sich näher, und es kann passieren, ich schrecke schreiend zurück.

Um im Leben zurechtzukommen, werden also Personen entwickelt, die sich nach Außen zeigen, und andere, die sich nicht zeigen dürfen?

Sabine: Nicht Personen, Persönlichkeitsanteile.

Irmgard: Bei mir sind es Personen. Das ist alles ich, sagt der Verstand, aber Irmgard erlebt es als viele Personen.

Sabine, du siehst es ja so, dass du dir lieber mit Dissoziation helfen möchtest als mit Pillen.

Sabine: Pillen würden mich von den Ursachen abschotten, aber ich will Heilung, und ich bin der Beweis dafür, dass es möglich ist. Ich sitze hier, bin gegenwärtig. Die Ärzte sagen, kann nicht Sein, aber es geht.

Irmgard: Mit den Psychopharmaka lösen sich die Grenzen auf, die wir uns erarbeitet haben, es stürzt alles zusammen, wir können nichts mehr selber regeln und handhaben. Es ging mir verloren, mit Imagination Ruhe zu schaffen und in innere Gespräche gehen zu können oder einen inneren Ort aufzusuchen, an dem wir Beruhigung finden.

Das kann ich verstehen, denn ich kenne inzwischen auch so etwas wie ein Kraftwesen, ein innerer Vater, ein Beschützer, zu dem ich keinen Kontakt habe, wenn ich eine zu hohe Dosis Neuroleptika nehmen soll, zur Verhinderung psychotischer Episoden. Ich glaube auch, es ist inzwischen stärker als meine zerstörerischen Anteile.

Irmgard: Das ist ja eine Parallele! Dass du das auch sagst!

Könnte man sagen, dass mit der Dissoziation auch besondere Fähigkeiten entstehen?

Sabine: Teile im Schulunterricht bestehen ja daraus, dass man etwas zusammenfügen und als Ganzes verstehen können muss, was ich nicht konnte. Man wollte mich auf die Sonderschule schicken. Wenn man jeden Tag angeschrien wird, kann man nicht mehr denken, und irgendwann auch nicht mehr heulen. Du brauchst einen Mechanismus, damit du das Schreien nicht mehr hörst. Später weiß ich nicht mehr, was war da, hat die Person gerade geschrien?

Ich kenne das auch, dass mich eine aggressive Atmosphäre lähmt, ich nicht mehr kreativ sein kann. Aus der Situation rausgehen muss. Am Besten, indem ich mich körperlich entferne, was nicht immer geht, oder ich mir nicht immer gestatte. Die Psychose kann dann wohl auch so ein Rausgehen sein.

Sabine: Der Psychotiker geht ganz raus, wir machen so ein Zwischending.

Irmgard: Im Alltag bin ich Irmgard, wir haben das geschafft, dass Irmgard vorne bleibt, mit der Hilfe, die wir uns geholt haben.

Sabine: Wenn der Alltag so traumatisierend war, wie ich es erlebt habe, dann kann Realität tödlich sein. Dann will man nicht in der Realität sein. Man will niemanden an sich heranlassen, bloß nicht berührt werden.

Dann ist es im Leben natürlich auch viel schwerer, die erwartete Leistung zu bringen, oder?

Irmgard: Ich habe eine ganze Menge geleistet! Im Kindergarten, in der Kindergruppe, 20 Jahre lang in dem Beruf, und später im Altersheim. Aber eben mit der Not, es mit Hilfe der Dissoziation schaffen zu müssen. Die eine Person konnte auf stehen, die Kinder versorgen, zwei konnten Autofahren, eine andere übernahm dann Leitungsaufgaben auf der Arbeit. Aber da gab es auch immer die, die einen Suizid begehen wollten. Und irgendwann war die Kraft aufgebraucht und es kam der Totalzusammenbruch.

Sabine: Als ich mein Kind bekommen habe, bin ich sehr depressiv geworden, weil er getriggert hat… als er so klein war… Aber meine Emotionen waren noch da.

Irmgard: Ja, Emotionen schon. Das trotz dem zu schaffen, und nebenbei auch diese Glücksmomente zu haben mit den Kindern! Meine Kinder sagten, nachdem sie mehr wussten über mich: Mama, wir kennen dich nicht anders, als, dass du manchmal so bist, und dann bist du raus gegangen und wenn du wieder reinkamst, warst du ganz anders. Aber du bist doch unsere Mama, und wir haben dich lieb. Jetzt ist es so, dass ich versuche, näher an die Realität zu kommen. Es ist mit viel Angst verbunden, aber ich traue mich. Wir trauen uns ganz schön was. So nach außen zu gehen. Trotz aller Widrigkeiten, Schwierigkeiten und auch Steine, die einem sogar von Ämtern oder anderen öffentlichen Institutionen, die eigentlich für uns Betroffene eine Hilfestellung sein sollten, in den Weg gelegt wurden und werden, tue ich alles in meiner Kraft stehende, um ein halbwegs normales und manchmal trotz alledem glückliches Leben führen zu können.

Sabine: So etwas wie Realität zu erreichen, das bedeutet für mich auch, mich mit Gutachtern anzulegen, mit der Macht der Gesellschaft. Es gibt politische Gewalt, Wortgewalt. Das Kind kann nicht differenzieren, aber die Erwachsene, die ich bin, kann sich wehren. Ich kann die Rollen wechseln und ich schaffe, was ich mir vornehme.

Irmgard: Ich möchte nicht mehr kämpfen, ich möchte jetzt das schöne Leben haben. Auseinandersetzung ja, muss wohl manchmal sein, aber sie darf nicht selbstzerstörerisch sein. Früher habe ich viel gekämpft, aber im Kampf habe ich keine Lebensqualität.

Zu dem Schluss bin ich auch für mich gekommen, ich suche den Kampf nicht, Schlag und Gegenschlag, und am Ende nur verbrannte Erde. Aber wenn man herausgefordert wird, hat man nicht wirklich eine Wahl, und ich weiß, dass du, Sabine, dich sehr lebendig fühlst, wenn du kämpfst. So verschieden gehen wir eben mit unserer Geschichte um, und wer etwas zuhört oder liest über eure Geschichte, wird verstehen, warum ihr seid, wie ihr seid, und vielleicht, hoffentlich, mehr Verständnis aufbringen können. Und Rücksicht.