Ich hatte nicht den Mut mich umzudrehen

 

Ich spüre den heißen Atem im Nacken. Sofort sträuben sich mir alle Nackenhaare. Adrenalin-Ausstoß. Alle meine Sinne stellen sich innerhalb einer Tausendstel Sekunde auf Gefahr ein. Wer hat sich da angeschlichen? Ich stehe wie angewurzelt da. Unfähig mich zu bewegen. Das Herz pumpte schneller. Selbst wenn ich wollte, ich wagte nicht, mich umzudrehen. Der Stimme und Richtung nach zu urteilen – denn der fremde Atem, der mich ohne Vorwarnung traf, resultiert aus einem langgezogenen Gähnen – müsste es sich um eine sehr groß gewachsene, in jedem Fall männliche Person handeln, die da gefühlte 20cm hinter mir steht. Plötzlich noch ein Gähnen und kurz danach ein weiteres Mal, jetzt aber fast unverschämt laut und provozierend wirkend, bläst ein noch stärkerer Luftzug in meinen Haaren.

Keine Frage, ich muss handeln.
Jetzt oder Nie!
Zwei Gedanken gleichzeitig:
Umdrehen um zu kämpfen oder so schnell wie möglich laufen, nur raus aus der Situation, nur flüchten.
Wer steht da hinter mir?

Rückblende. 25 Minuten früher.

23:05 Uhr. Auf dem Weg zum Einkauf bei REWE. An die langen Öffnungszeiten habe ich mich mittlerweile gewöhnt und nehme gerne mal diesen Service wahr.

Der erwähnte Markt liegt relativ zentral in Bremen, genauer gesagt in der östlichen Vorstadt, nur eine Haltestelle per Straßenbahn in Stadtrichtung fahrend bis zum Werder-Imbiss (hier treffen gleich drei BSAG-Linien, nämlich die 2, 3 und 10 aufeinander), beginnt das Ostertor-Viertel.

Vielleicht ist das Klientel ob der nahegelegenen Party-Meile „lockerer drauf“, viele Jugendliche „tanken Sprit nach“, manch alleinstehende hübsche junge Frau oder ein Pärchen, welches eine Pause während des Fernseh- oder DVD-Abends nutzt, ist gerne noch zu so später Stunde unterwegs zum einkaufen.

In der Kassenschlange. Zwei Personen vor mir stehend, eine unbekannte Anzahl dahinter. Direkt in meinem Rücken scheint wohl jemand ohne Einkaufswagen unterwegs zu sein. Die verbindliche Distanzzone fiel somit weg.

Und Sie ahnen es, hier erduldete ich dann die Gähn-Attacken und vor allen Dingen, die Situation, dass eine fremde Person mir (weniger als 40 cm) zu nahe kam, ohne das ich das wünschte.

„Schon mal was von ´Hand vor den Mund halten gehört?´ Nein? Ist das nicht eine automatische Geste, die immer funktioniert?“ dachte ich.

Weitere Gedankenblitze: „Soll ich mich umdrehen und höflich aber bestimmt sagen: „Entschuldigen Sie bitte, aber würden Sie mir nicht zu nahe treten. Ich fühle mich von Ihnen bedrängt.“ Was würden die anderen Kunden dann über mich denken?
„Spießer!“ oder „Was geht denn jetzt ab?“, vielleicht auch: „Der stellt sich vielleicht an, locker bleiben!“. Auch die aggressivere Variante mit wütend vorgetragener Stimme verwarf ich, aus Angst vor den Reaktionen der anderen Kunden, sofort: „Ey Alter, geht’s noch? Teilen wir beide ein Bett zusammen oder warum rückst du mir so auf die Pelle?“

Vielleicht habe ich auch gerade zufällig einen Menschen erwischt, der mit 7-Meilen-Stiefeln durch die Kinderstube geeilt war und der in einigen Jahren den Workshop „Knigge-für-Anfänger“ als Geburtstagsgeschenk von gutmeinenden Freunden erhält.

Aber ich hatte nicht den Mut, mich umzudrehen. Als ich dann bezahlt hatte und meinen Einkauf einpackte, blickte ich mich in einigem Abstand um. Ja, der Mann war groß, wirkte aber durchaus sympathisch. Wie zum Beweis führte er noch einen netten „Small Talk“ mit dem Kassierer. „Na …gibt es bei euch heute was umsonst?“.

Egal, mir blieb er trotzdem unsympathisch, denn das schlechte Gefühl konnte er mir nicht mehr nehmen. Er hatte einfach eine unsichtbare Grenze überschritten.