Autor:in: Ingo Bathmann

Wenn Es(sen) übernimmt…

 

Dicke haben dicke Beine, Dicke ham´nen Doppelkinn! Zwei Zeilen aus einem alten Marius-Müller-Westernhagen-Lied, die mir mein Gehirn immer öfter aufzwängt, nach dem ich das Lied zufällig auf meiner Festplatte wiedergefunden und angehört hatte.

Die Kernaussage dieses Liedes „Ich bin froh, dass ich kein Dicker bin!“. Ich möchte über dieses Lied, diese Aussage, keine Wertung abgeben, da sie eh nur subjektiv wäre. Wenn ich es im Kopf singe, dann mit Wut und Hass im Bauch, aber dazu später mehr. Hier soll nicht der Eine-Million und-Erste-Ratgeber entstehen, sondern meine Erfahrungen, Gefühle, Tipps und Ansichten zum Thema Übergewicht, die mir geholfen haben oder auch nicht, zu Papier gebracht werden. Sie haben nicht den Anspruch der Allgemeingültigkeit. Ich freue mich, wenn sich jemand teilweise wiederfindet, er weiss, dass es anderen ähnlich geht, ihm das ein oder andere zum Nachdenken anregt oder sogar weiterhilft.

Hier meine Eckdaten: Männlich, 178cm groß, aktuelles und Höchstgewicht: 171,5 kg

Heute fällt mir alles schwer. Ich schnaufe bei jeder kleineren Anstrengung, die anderen nicht mal ein müdes Lächeln abringt. Meine Knochen schmerzen an den verschiedensten Stellen. Doch trotzdem habe ich nachmittags auf dem Weg nach Hause meine Süßigkeiten und kalorienreichen Lebensmittel und Getränke in der Tüte von netto. Wenn ich dem Ritual entkomme, plündere ich spätestens am Abend den Kühlschrank oder bestelle teuer beim Bringdienst (bei denen ich in den letzten 15 Jahren insgesamt schon über 1000mal bestellt habe), weil ich mittlerweile nicht mehr auf Vorrat kaufe. Ich lebe allein, also kein Problem, wenn der Kühlschrank am nächsten Tag leer ist und ich mich wenigstens auf die Socken machen muss, um etwas einzukaufen. Habe ich für den Tag erst mal mein zum tausendsten Mal geplantes Vorhaben, maßvoll und ausgeglichen zu essen gebrochen, bricht der Damm auf ganzer Linie. Wenn ich die geplanten Kalorien nur gering überschreite, legt sich, ohne dass ich es noch merke ein Schalter um, und ich bin für diesen Tag im Maßlos-Modus. Morgen ist auch noch ein Tag, heißt es dann. Ansonsten finde ich einen anderen Grund, warum eine Diät, eine Ernährungsumstellung noch warten kann.

Vor Jahren hatte ich schon mal Weight Watchers ausprobiert. Das System von Treffen, Punkte zählen per Computer, Hand oder Handy, den vielen Infomaterialien und Büchern, den kleinen Auszeichnungen bei den Treffen, dem Austausch mit Gleichgesinnten war schon mein Ding. Aber auch das habe ich nur wenige Wochen mitgemacht, und bin dann in alte Verhaltensweisen zurückgefallen. Mitte letzten Jahres hat mich meine Mutter
mehr oder weniger überredet, es noch mal mit den WWs zu versuchen. Neun Wochen lief es, möchte fast sagen, problemlos. An die Vorschläge und Punkte gehalten, regelmäßig die Treffen besucht, erste Auszeichnungen bekommen, und damit im Schnitt ein Kg die Woche abgenommen und das ohne diese extremen Hungergefühle, denn nach dem WW-Plan kann man mit meinem Gewicht noch recht viel essen. Dann kam der Tag – der Wunsch, sich jetzt mal wieder richtig satt essen zu wollen, schlemmen, stopfen, vollkommenes Sättigungsgefühl, Glückshormone, Zufriedenheit, Ablenkung, für 30 Minuten alles ausblenden! Und es passierte, was immer passierte, der Damm brach auf ganzer Linie, so dass keine Reparatur möglich war. In anderen Worten, jeder Tag danach war wieder durch maß- und wahlloses Essen geprägt.

Anfeindungen oder Spott durch mein Übergewicht hatte ich zeitlebens eigentlich wenig zu ertragen. Wobei ich erst mit 18 so richtig Übergewicht angesetzt habe. Damit blieben mir wohl viel Spott und Häme auf dem Schulhof erspart. Meine Freunde und Bekannten nahmen mich so wie ich bin. Aber ich bin bis heute der Meinung, dass ich oft Thema bei ihnen privat war. Egal! Äußerungen von Fremden bekam ich nur selten. Wobei das meist mein Kopfkino war: Wenn im Bus zwei Mädchen tuschelten und lachten – war natürlich ich gemeint. Essen in der Öffentlichkeit – ungern. Jeder denkt wohl: Muss der Moppel jetzt schon wieder futtern (aber häufig wohl auch nur Kopfkino). Schlimmer dagegen sind die gut gemeinten Ratschläge meiner Mitmenschen im Umfeld. Auch meine Eltern hadern zeitlebens mit meiner unkontrollierten Fresssucht. Nach Ursachen haben sie nie gefragt – aber immer wieder:
Junge, du musst doch mal vernünftig werden. Diese Aussagen halfen mir genau so wenig wie die Tipps weniger oder mehr Obst zu essen oder Sport zu treiben. Sachlich ist das zwar richtig, aber wenn es nicht Klick im Kopf macht, dann macht man es halt nicht. Immerhin habe ich es während meiner Karriere drei mal geschafft reel abzunehmen, so um die 30 kg. Fühlte sich am Ende auch sehr gut an. Aber dann kam der Alltag wieder, ich war wieder im alten Trott und Stress und langsam aber sicher kamen die Kilos wieder drauf. Die Abnahmen schaffte ich auch nur während psychosomatischer klinischer Aufenthalte und einmal in einer Abnehmkur. Da ist man aus dem Alltagstrott raus, hat Tagesstruktur, soziale Kontakte, Unterstützung, Sportangebote.

My Way, Brigitte-Diät, Orangen-Diät, Kohlsuppen-Diät, Ätkins-Diät, Trennkost und Essen in Pulverform aus Dosen und was es alles da noch gibt, ich halte nichts davon! Warum? Die, die helfen, haben den Nachteil, wenn man sie beendet, tritt früher oder später, schneller oder langsamer der gefürchtete JoJo-Effekt ein. Die meisten versprechen so hohe Abnahmen in kurzer Zeit, dass man meint, da kann doch kein vernünftiger Mensch wirklich dran glauben. Aber in seinem Wunsch, die verhassten Kilos mit möglichst wenig Anstrengung zu verlieren, geht man nicht so objektiv an Sachen, wie bei anderen Dingen.

Und um Gottes Willen: Finger weg von Abnehmpillen, besonders aus dem Ausland. Es hat schon einen Grund, dass es solche Tabletten nicht in Deutschland gibt. Die Tabletten bringen den ganzen Kreislauf auf Hochtouren, um eine höhere Verbrennung zu erzielen. Das hat schon etliche Menschen das Leben gekostet oder sie zeitweise krank gemacht. Für einen stark übergewichtigen Menschen, so meine ich, hilft nur moderates und ausgeglichenes Essen und langsam sich steigernde Bewegung oder Sport sowie Unterstützung durch Familie, Freunde, Bekannte und Verwandte, Beratungsstellen oder ärztlicher Unterstützung. Und dies nicht für zwei Wochen oder vier Wochen, sondern das ganze Leben.

Die Ursache:
Warum ist jemand dick?

In erster Linie weil man zu viel, zu fett und kalorienreich isst. Das oft in Verbindung mit mangelnder Bewegung und die Pfunde sammeln sich an. Es gibt auch einige organische Ursachen, wie eine gestörte Funktion der Schilddrüse, d.h., obwohl sich die betreffende Person ernährungstechnisch normal verhält, kommt es zu übermäßiger Gewichtszunahme. Auch die Genetik, sprich Erbfaktoren, können eine Rolle spielen. Medikamente, die den Appetit steigern. Aber wieso braucht jemand mehr Essen, als es dem Körper gut tut? Ich erinnere mich an meine Großeltern und die Freundin meiner Mutter. Als Kleinkind wurde mir das Schlemmen und ungezügeltes Essen leicht gemacht. Wenn ich zu Besuch kam, und das war oft der Fall, stand in der Regel schon alles bereit. Gebremst hat mich keiner, im Gegenteil. So hing ich obligatorisch am Sonntagabend über dem Badewannenrand, gehalten von meiner Mutter und übergab mich. Aber die Gretchenfrage: Warum esse ich übermäßig oder unkontrolliert? Ich glaube, die Ursache ist in den meisten Fällen psychisch bedingt. Als Beispiel gibt es Personen, die nach dem Verlust eines nahestehenden Menschen stark zunehmen, die die Trauer oder die Leere mit Essen bekämpfen. Kann der Verlust nicht richtig innerlich verarbeitet werden, bleibt es auf Dauer beim übermäßigen Essen. So denke, ich können seelische Defizite, Probleme, mangelndes Selbstwertgefühl/Selbstliebe, Erlebnisse aus der Kindheit oder im gesamten Leben, die einen fortwährend belasten, dazu führen, sich mit Essen zu betäuben, zu entspannen/abzuschalten für eine gewisse Zeit, sich einen Schutzpanzer zuzulegen oder sogar zu bestrafen und selbst zu schädigen. So dient Essen oft als eine Ersatzbefriedigung, eine Sucht. Sie hat oder hatte für den betroffenen Menschen eine wichtige Funktion. Man sagt nicht umsonst Frustessen, Ersatzbefriedigung oder anderes. Entweder ständig oder eine bestimmte Zeit. Irgendwann wird es auch zum Selbstläufer. Der Magen ist erweitert. Das Sättigungsgefühl wird weit nach oben verschoben. Ein Automatismus schleicht sich ein. Nicht ohne Grund ist, ab einem bestimmten Grad, der Name für die ärztliche Diagnose, das Wort „Fresssucht“. Heute bin ich erwachsen und muss mich selber regulieren, was leider in den letzten 29 Jahren nicht geklappt hat.

Für mich zählt das Verhalten im hier und jetzt und das heißt sein Verhalten zu ändern, Alternativen zum Essen zu finden, wenn man Hunger hat. Selbsthilfegruppen, gute Freunde sollt man auch in Betracht ziehen.

Immer wenn ich Diät gemacht habe, oder Ernährungsumstellung (klingt besser) war ich am Boden. Meine liebste Beschäftigung war weg. Genau genommen, waren sie eben nicht weg. Man muss sie nur rechtzeitig beenden! Leute die Abnehmen wollen und/oder müssen, dürfen eben nur ein Schnitzel essen, auch wenn noch drei auf dem Teller liegen. Oder bei einer Tafel Schokolade nur einen Riegel abzubrechen und sie dann wieder weg zu legen, bedarf sehr hoher Disziplin und Willensstärke. Bei anderen Abhängigkeiten, wie Zigaretten oder Alkohol, kann man das Objekt der Begierde größtenteils ganz aus seiner Umgebung verbannen! Damit der Körper funktioniert, braucht man weder eine Zigarette noch zwei Bierchen. Wenn man keine Sachen hat, an denen das Herz hängt, womöglich noch keinen Partner oder eine unzufriedene Partnerschaft, dann frage ich mich, wieso mache ich das? Ohne Essen bin ich erst mal total unzufrieden, ständig Kalorien oder Punkte zählen, Essen abwiegen, zählen usw. und auf die nächste Mahlzeit warten. Ständige Gedanken ans Essen, und for the Rest of my Life. Na klar, irgendwann kann ich ernten, wenn ich es denn so lange durchhalte. Dann machen sich die fehlenden Kilos positiv bemerkbar. Aber da erst mal hinkommen. Letztendlich muss jeder für sich entscheiden, wann und wie viel er gegen die Kilos unternimmt, freiwillig oder durch voranschreitende Einschränkung der Gesundheit, der Beweglichkeit und des Alltags. Wie dem auch sei, wir haben viele Möglichkeiten uns zu informieren und Hilfe zu organisieren und aufzubauen. Ich wünsche jedem, der was tun möchte oder muss, Kraft und Durchhaltevermögen.