Autor:in: Thomas Sieghold

Komödie

 

Eine kurze Momentaufnahme, aus einer Zeit, die je nach Blickwinkel mal mehr, mal weniger schlecht war.

 

Ich war 23, als ich die Fähigkeit verlor, mir die Zähne zu putzen. Der Mix aus Tabletten, den mein Arzt mir verschrieben hatte, vertrug sich nicht im Ansatz. Ich verbrachte knappe 20 Minuten mit dem Versuch, die Bewegungsabläufe zu koordinieren. Da war nichts zu machen. Die Zahnbürste landete überall, bloß nicht da, wo sie hinsollte. An dem Punkt, wo ich das Zähneputzen aufgab, brach ich zusammen. Ich fühlte mich wie Dreck. Die nächsten 30 Minuten verbrachte ich weinend wie ein kleines Kind auf dem Fußboden des Badezimmers. Im Nachhinein betrachtet empfinde ich diese Reaktion als etwas übertrieben. Als hätte der Verlust der Fähigkeit, sich die Zähne zu putzen, die Gesamtsituation noch ernstzu nehmend schlimmer gemacht. Pflegegrad 2, 16 Stunden Schlaf pro Tag, sonst nur Serien und Schokolade. Kein wirklicher Lebensinhalt. Ob man sich da noch selbst die Zähne putzen kann oder nicht, macht den Braten auch nicht mehr fett.

 

Ich war schon als Kind leicht dramatisch veranlagt.

 

Als ich mich wieder gefangen hatte, lief ich zum Kühlschrank in die Küche, um mir Schokolade zu holen. Es kam, wie es an so einem Tag kommen musste, es war natürlich keine mehr da. Frustriert über diese Tatsache, setzte ich mich zu meinem Vater an den Küchentisch. Kaum hatte ich mich gesetzt, da fing er auch schon an, mir Vorwürfe zu machen. Er fragte mich in einem aggressiven Ton, wie ich es mit mir vereinbaren könnte, nicht zu arbeiten und auf Kosten anderer zu leben. Ich ignorierte ihn völlig, da er einfach nur einen schlechten Tag hatte, dies kam öfter vor, und ich wusste, dass es vorbeigehen würde, wenn man keine Widerworte gab. Auch wenn das in dieser Lage sehr wehtat. Aus heutiger Sicht gönn‘ ich ihm diese „kleinen“ Gemeinheiten fast schon, in Anbetracht der Tatsache, dass seine Bauchspeicheldrüse und seine Leber zu diesem Zeitpunkt bereits mit Krebs vollgesessen haben müssen. Er wurde 53 Jahre alt. Mal verliert man, mal verlieren die anderen auch.

 

„Mein Leben ist keine Tragödie, sondern eine Komödie“, Joker, 2019