Autor:in: Tim Schmidt

Panik auf hoher See

 

Ich wusste nie, was ich einmal werden sollte. Als ich noch ein Kind war, lautete meine Antwort auf die Frage, welchen Beruf ich denn einmal ausüben wolle: „Ich weiß nicht.“ Als Teenager pflegte ich dann zu sagen: „Lebenskünstler!“, was eigentlich das gleiche hieß wie „Ich weiß nicht.“
Mein Vater sagte irgendwann zu mir: „Wenn du Straßenfeger werden willst, ist das okay, das ist ein ehrenhafter Beruf. Aber wenn du etwas anderes willst, dann musst du etwas tun.“ Also musste ich etwas tun. Aber was? Irgendeine „normale“ Arbeit wäre jedenfalls nichts für mich. Ein Bürojob etwa, jeden Tag von neun bis fünf, erschien mir wie ein langsamer Erstickungstod, wenig reizvoll.
Es sollte irgendwas Außergewöhnliches sein und viel Geld wollte ich natürlich auch verdienen. Zu dieser Zeit gab es einen Boom in der Seeschifffahrt, und Kapitäne wurden gesucht. Das wäre doch was für mich, dachte ich mir. Ein abwechslungsreicher Beruf mit viel Geld und viel Urlaub. Also schrieb ich mich ein für den Studiengang Nautik an der Hochschule Bremen.
Oberflächlich erfüllte ich alle Voraussetzungen. Ich war körperlich fit und hatte es irgendwie geschafft, mein Fachabitur zu bestehen. Allerdings schleppte ich einiges an psychischem Ballast mit mir rum, der mich schon, so lange ich denken kann, daran gehindert hatte, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Es hatte irgendwann in früher Kindheit angefangen. Ich entwickelte starke Ängste und Misstrauen gegenüber Menschen. Ich vermied soziale Kontakte und wurde zum Stubenhocker. Als Teenager entwickelte ich einen Hang zu Drogenkonsum und kleinkriminellen Aktivitäten. Aber das ist eine andere Geschichte. Das erste Semester im Studiengang Nautik ist ein sogenanntes Bordpraktikum. Das bedeutet, der Studienanfänger wird gleich ins kalte Wasser geworfen und muss ein halbes Jahr an Bord eines Schiffes verbringen als sogenannter Kadett. Es gibt an Bord eine klare Rangordnung: ganz oben der Kapitän, der die Verantwortung für alles trägt; dann die Offiziere, die das Schiff steuern, den Containerumschlag überwachen und administrative Aufgaben erledigen; dann kommt der Bootsmann, eine Art Vorarbeiter, der wiederum die Matrosen befehligt. Und ganz unten auf der Liste steht der Kadett. Der Anfänger, der von nichts eine Ahnung hat und sich von allen anderen etwas sagen lassen muss. Mein Schiff war die „CSAV Peru“, ein Containerschiff, 200 Meter lang und dreißig Meter breit. An Bord eigene Kräne und Platz für bis zu 2500 Container. Dieses stählerne Ungetüm sollte nun also mein Zuhause für das nächste halbe Jahr sein. Zusammen mit zwanzig mir völlig unbekannten Menschen würde ich über den Ozean fahren und völlig fremde Orte am anderen Ende der Welt besuchen. Dabei war schon die Reise mit Zug und Taxi von Bremen nach Hamburg eine einzige Panikattacke gewesen.
Ich wollte nur weg. Zurück nach Hause. Aber es gab kein Zurück, und es gab auch kein Zuhause mehr. Ich hatte meinem Vater auf dem Sterbebett versprochen, diese Reise anzutreten, und nach seinem Tod habe ich die gemeinsame Wohnung auflösen müssen. Von der Hafenkante führte mich eine stählerne Treppe, die sogenannte „Gangway“, an Bord, wo mich die bisherige Bordpraktikantin empfing. Sie war sehr nett und nahm mir ein wenig meine Angst, einfach dadurch, dass sie mit mir sprach und fröhlich war. Sie erzählte mir von Mahlzeiten, die schnell verschlungen wurden, um in der Mittagspause noch ein wenig Schlaf zu bekommen. Und von den Kollegen, die wohl alle eigentlich ganz umgänglich seien.
Die Mannschaft bestand zum größten Teil aus Filipinos, die Offiziere waren überwiegend Deutsche. Im Maschinenraum, dem riesigen Motor des Schiffes, arbeiteten noch einige Russen und Osteuropäer. Damit sich alle miteinander verständigen konnten, wurde hauptsächlich Englisch gesprochen. Aber Englisch ist nicht gleich Englisch. Ich hatte zu Anfang große Probleme mit dem Akzent der Filipinos. Ich erinnere mich an ein erstes Gespräch mit dem Schiffskoch, der mir minutenlang irgendetwas erzählte. Seine Aussprache der Worte war so ungewohnt für mich, dass ich kaum etwas verstand. Ich wollte aber auch nicht nach jedem zweiten Satz nachfragen, um dann doch wieder nichts zu verstehen. Aber mit der Zeit gewöhnte ich mich an die Matrosen und die Art, wie sie sprachen, und wir hatten viele lustige und interessante Gespräche. Meine Aufgaben an Bord waren vielfältig. Ich war für das Ablesen der Temperaturen der Kühlcontainer zuständig. Anfangs habe ich eine Leiter benutzt, um die höher gelagerten zu erreichen; später bin ich einfach an den Containern hochgeklettert, um die Temperaturanzeige zu erreichen. Und noch später habe ich einfach irgendwelche Zahlen in die Liste eingetragen und mich dann irgendwo versteckt, wo der Bootsmann mich nicht finden sollte.
Der Bootsmann ist dafür zuständig, dass das Schiff in einem guten Zustand bleibt. Er verteilt entsprechende Aufgaben an die Mannschaft. Ein Haufen Metall in einem Meer aus Salzwasser rostet, wie man sich ja vorstellen kann. Der Rost muss entfernt werden, und neue Farbe wird aufgetragen. Und wenn man mit dieser Arbeit am Ende des Schiffes angelangt ist, kann man vorne wieder anfangen. Das ist eine typische Tätigkeit, mit der die Matrosen beschäftigt sind, während das Schiff fährt.
Im nächsten Hafen muss das Schiff dann anlegen und festgemacht werden. Das bedeutet, es wird an einem Platz „geparkt“. Armdicke Taue werden von Winden ins Wasser gelassen, an Land gezogen und dort über Poller gelegt. Dieser Vorgang war mein immer wiederkehrender Albtraum. Alle waren mit irgendetwas beschäftigt, und ich wusste einfach nicht, was ich wann zu tun hatte. Es war einfach eine absolute Stresssituation. Ich hatte von Anfang an nie die Ruhe, um zu verstehen, was da passiert. Welche Leine zuerst, welche Winde wird wann und wie bedient. Jedesmal, wenn wir in einen Hafen einliefen, stieg die Angst in mir auf. Die Angst, wieder beim Anlegemanöver mitmachen zu müssen, ohne einen Plan zu haben, was genau ich machen sollte. Ich konnte dann nichts essen, nicht klar denken, habe mich geschämt und konnte mit niemanden darüber reden. Ich sollte es irgendwie verstehen, aber ich verstand es nie, und so wurde es eigentlich jedesmal nur noch schlimmer. In den sechs Monaten meines Bordpraktikums hatten wir jede Woche durchschnittlich zweimal An- und Ablegemanöver. Es war einfach nur schrecklich. Noch Jahre später erwachte ich aus Träumen und war dann jedesmal so unglaublich erleichtert, nicht mehr an Bord zu sein. Ich habe damals jeden Tag Alkohol getrunken, um zur Ruhe zu kommen, um schlafen zu können. Aber es gab auch einiges, was sehr schön war. Nachts mitten auf dem Meer ist es wundervoll und friedlich. Man kann eine Million Sterne sehen, da es ja keine störenden Lichtquellen auf dem Ozean gibt. Der Geruch der salzigen, frischen Luft, gemischt mit einem Hauch Dieselrauch, ist etwas, was ich sehr vermisse. Wehmut, Sehnsucht und Freiheit sind Worte, die mir einfallen, wenn ich daran zurückdenke. Unter meinen philippinischen Kollegen waren einige, die mit der Zeit zu Freunden wurden. Wir waren ja ein halbes Jahr lang jeden Tag zusammen. Wir haben zusammen auf dem Schiff gewohnt und gearbeitet, wir haben zusammen gegessen, wir sind zusammen an Land gegangen. Da lernt man sich kennen, wächst zusammen.
Unsere Route ging von Europa aus zur Ostküste Südamerikas, wo wir Häfen in Panama, Brasilien, Peru, Guatemala, Argentinien und Uruguay anliefen. In Städten hatten wir meist nur ein paar Stunden Zeit, um an Land zu gehen. Nur selten lag unser Schiff länger als einen Tag im Hafen. Und dann mussten ja Container be- und entladen werden.
Meistens haben wir in unserer freien Zeit dann Bars besucht, in denen hübsche Frauen sexuelle Dienste für wenig Geld anboten. Ich habe mir dann immer erstmal einen Pegel angetrunken, der meine sozialen Phobien in den Hintergrund treten ließ. Nur so konnte ich mich in diesen Etablissements halbwegs wohlfühlen.
Manchmal habe ich einfach nur mit einer Dame getrunken und geredet, mit ein paar von ihnen hatte ich Sex. Der Sex war selten gut, ich war betrunken und geil und die meisten Frauen wollten „die Sache nur schnell hinter sich bringen.“ Ich war auch einfach nicht gut darin, mir eine auszusuchen.
Jung und süß war mein Schema. Aber die besten sexuellen Erlebnisse hatte ich mit einer, die mir ein erfahrener Kollege aussuchte. Sie war etwas älter und optisch unauffälliger als meine bisherigen Bekanntschaften. Sie hat sich rundum gut um mich gekümmert, war lieb und aufmerksam.
Nach einem unserer Hotelbesuche hat sie mich auf dem Weg zurück zum Hafen begleitet, und mir im Taxi einen runtergeholt. Das hat mir sehr gefallen. Ich war betrunken genug, dass es mich nicht störte, dass der Fahrer alles sehen konnte. Außerdem hatte er sicherlich schon viel wildere Dinge gesehen. Als Taxifahrer nachts in einer südamerikanischen Hafengegend erlebt man so einiges und jeder Tag, an dem man nicht überfallen wird, ist ein guter. Brasilien ist nicht Deutschland: Wenn man nicht aufpasst, kann man schnell seine Wertsachen loswerden – oder sogar das eigene Leben. Einer meiner Vorgänger war nur in Unterhose zum Schiff zurückgekehrt, seine Sachen hatten unter Androhung von Waffengewalt den Besitzer gewechselt. In Trinidad, wo wir auch ein paar Male Halt machten, war vor kurzem ein philippinischer Matrose mit jemandem in Streit geraten, der nicht viel von Fairness hielt und ihm kurzerhand ein Messer in den Bauch rammte. Er ist noch an Ort und Stelle verblutet.
Solche Geschichten fand ich eher interessant, als dass sie mir Angst machten. Meine Ängste konzentrierten sich vollständig auf soziale Interaktion mit fremden Menschen und meinen Vorgesetzten an Bord, die mich wohl für den unfähigsten Kadetten aller Zeiten halten mussten, weil ich selbst die scheinbar einfachsten Aufgaben nur sehr langsam und fehlerhaft ausführte. Einfach, weil ich dauernd Angst hatte, Fehler zu machen, machte ich welche. Und dann kam der Bootsmann, der mir den Auftrag erteilt hatte und schrie mich an, was denn das für eine Scheiße sei. Ich war so eingeschüchtert, dass ich mich nicht traute, nachzufragen, was ich genau falsch gemacht hatte, und ich konnte auch nicht erklären, was mit mir los war.
Es war schrecklich. Ich zählte die Tage, bis ich diesem Zustand würde entfliehen können. So furchtbar das alles war, habe ich mich aber auch nicht getraut, das Praktikum abzubrechen, denn dazu hätte ich ja mit meinem für mich bedrohlich erscheinenden Vorgesetzten offen reden müssen. Ich würde das heute nicht mehr machen, aber damals habe ich die Zähne zusammengebissen und gesoffen. Heute habe ich aber auch mehrere Jahre Therapie und Klinikaufenthalte hinter mir, und ich verstehe mich selbst nun besser, und bin auch in der Lage mich mitzuteilen. Es ist nun über zehn Jahre her, dass ich als Kadett auf einem Containerschiff gefahren bin. Es waren sechs harte Monate für mich, in denen ich viele Erfahrungen sammeln konnte, die ich nicht missen möchte. Ich habe ferne Länder bereist und Menschen aus fremden Kulturen kennengelernt. Und auch wenn ich letztlich mein Nautikstudium nicht fortgesetzt habe, ist es doch ein wichtiger Teil meiner Biographie, der mich sehr geprägt hat.

 

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