Autor:in: Volker Althoff

Das Nachtcafé in Walle

 

Skip-Bo oder Rummikub spielen, sich mit anderen Gästen unterhalten, in Ruhe einen Becher Kaffee, Tee oder Kakao trinken, eine Kleinigkeit essen, im Internet surfen oder den Mitarbeitern über seine Sorgen berichten – all das können Besucherinnen und Besucher von 20 Uhr abends bis 1 Uhr nachts im Nachtcafé, das sich in den Räumen der Tagesstätte West, an der Helgolander Straße 73, befindet. Doch dieser Ort ist kein übliches Café, wo Besucher gemütlich und entspannt etwas trinken und verzehren können; er bedeutet noch viel mehr als nur eine Wohlfühl-Atmosphäre. Für viele Gäste ist das Nachtcafé ein immens wichtiger Zufluchtsort. Christa Hegmann, Abteilungsleiterin für Allgemeinpsychiatrie bei der Bremer Werkgemeinschaft (BWG), spricht zunächst von einer „Anlaufstelle für Menschen aus ganz Bremen, die abends einen Ansprechpartner suchen oder nicht alleine sein wollen“. Es handele sich dabei um ein offenes Angebot. Lutz-Uwe Dünnwald, Geschäftsführer der Bremer Werkgemeinschaft, grenzt die Bedeutung noch weiter ein: „Das Nachtcafé ist eine Anlaufstelle für Menschen in einer Krise oder einer sich anbahnenden Krise, die Unterstützung brauchen.“ Ähnlich äußert sich Jörg Utschakowski, Psychiatriereferent der Gesundheitssenatorin: „Im Zuge der Planung der Krisenintervention haben wir ein Modellprojekt aufgesetzt, um Menschen in Krisen ein niedrigschwelliges Angebot in der Nacht anzubieten. Das Nachtcafé ist für Menschen da, die Ansprache, Unterstützung oder Kontakt brauchen.“ Doch die Personen, die das Nachtcafé aufsuchen, kommen mit unterschiedlichen Bedürfnissen. Dazu stellt Dünnwald fest: „Die einen brauchen etwas mehr Unterstützung und wollen sich mit einer Mitarbeiterin oder einem Mitarbeiter zurückziehen und ein vertrauliches Gespräch führen. Andere kommen, weil sie unter Menschen sein wollen und ihnen zu Hause die Decke auf den Kopf fällt.“ Somit ist nicht immer eindeutig feststellbar, ob jemand mit einem ernsthaften Problem kommt oder nur in Ruhe einen Kaffee trinken möchte. Doch dafür haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Nachtcafés ein geschultes Auge. „Wir haben sechs Köpfe im Team, die alle unterschiedliche Stellenanteile haben“, erklärt Christa Hegmann. Dazu gehört Nicole Schuffels; die 34-jährige Sozialarbeiterin studiert in Bremen an der Hochschule Soziale Arbeit und ist seit Ende März 2018 im Nachtcafé für 20 Stunden beschäftigt. „Zu uns kommen Menschen, die Ängste haben, unter Einsamkeit leiden, psychisch erkrankt sind, zum Beispiel eine Depression oder eine Psychose haben, oder sich in akuten Situationen befinden. Wir versuchen dann, mit den Hilfesuchenden Kontakt aufzunehmen. Wenn wir uns dabei unsicher fühlen, ziehen wir die Kollegen vom Krisendienst zurate“, beschreibt Schuffels. Sie stellt fest, dass oft Menschen ins Nachtcafé kämen, die eigentlich in die Klinik wollen. „Zuerst suchen sie aber dann doch den Kontakt zu uns“, sagt sie.
Schuffels findet ihre Tätigkeit spannend und arbeitet gerne mit Menschen zusammen, die psychisch erkrankt sind. Denn sie ist selbst betroffen und ist mit Krisensituationen vertraut. „Damals, als es mir so schlecht ging, gab es solche Anlaufstellen wie das Nachtcafé nicht“, erklärt sie. Sie freut sich, dass es diesen Ort gibt.

Andreas Schäfer-Hockmann (49) ist seit Gründung des Nachtcafés dort tätig und seit September 2018 der zuständige Teamleiter. Der Sozialarbeiter hat vorher in verschiedensten Bereichen gearbeitet. Er hat Erfahrungen im psychiatrischen Bereich gesammelt, was aus seiner Sicht eine wichtige Rolle spiele. Denn es kämen sehr viele Besucherinnen und Besucher, die erzählen, an welcher Erkrankung sie leiden. Häufig berichten sie über Krankheiten wie Borderlineerkrankung, Persönlichkeitsstörung, paranoide Schizophrenie, Depression sowie Psychose. „Wir stellen aber keine Diagnosen“, macht Schäfer-Hockmann deutlich. Das bestätigt auch Lutz-Uwe Dünnwald. „Auf diesem Gebiet wollen wir uns gar nicht bewegen. Wir sehen, dass es den Menschen schlecht geht und versuchen, ihnen in der momentanen Situation zu helfen, bis am nächsten Morgen oder zu Beginn der Woche Ärzte oder andere Pädagogen tätig werden“, erklärt der Geschäftsführer.
Schäfer-Hockmann arbeitet gerne als Teamleiter im Nachtcafé: „Ich mag den Umgang mit schwierigen Situationen. Zudem kann ich hier im Nachtcafé sehr kreativ sein“, beschreibt er seine Tätigkeit, die er als „beratend“ bezeichnet. Doch in diesem von Schäfer-Hockmann beschriebenen „Wohlfühlraum” gebe es auch manchmal Probleme und Konflikte. „Wir haben auch manchmal mit Menschen zu tun, die körperliche Gewalt ausüben oder anderen Besuchern drohen.” Häufig kämen auch alkoholisierte Gäste, die von den Mitarbeitern dann freundlich gebeten werden, den Ort zu verlassen. Denn Alkohol und Drogen sind im Nachtcafé tabu. BWG-Geschäftsführer Dünnwald weist noch auf ein anderes Problem hin, dass es in der Vergangenheit gab – und zwar das mit der Nachbarschaft. Viele der Anwohner hätten sich bei der Politik und anderen Stellen beschwert, weil es zu laut gewesen wäre. „Die Nachbarn mussten erst einmal verstehen, mit welchen Problemen die Gäste ins Nachtcafé kommen. Und die Mitarbeiter mussten erkennen, was sie den Nachbarn zumuten können und was nicht”, beschreibt Dünnwald. Es folgte dann ein großes Krisengespräch mit allen Beteiligten. Inzwischen laufe die Zusammenarbeit hervorragend, merkt Dünnwald an. Seit über einem Jahr beobachtet er, dass es keine Beschwerden mehr gäbe.

Das Nachtcafé ist Teil des Nachtwerks, das psychiatrische Hilfen in der Nacht anbietet. Es ist ein Angebot zur psychiatrischen Soforthilfe für Menschen in psychischen Krisen und Belastungssituationen. Neben dem Nachtcafé gibt es noch das Krisentelefon, das Krisenbett und Aufsuchende Hilfe, deren Träger die Gesellschaft für ambulante psychiatrische Dienste (GAPSY) und die BWG sind. Seit 1. Januar 2017 gibt es das Nachtcafé als offenes Angebot.

Zwischen 13 und 25 Besucher kämen durchschnittlich am Abend ins Nachtcafé, beobachtet Christa Hegmann. Darunter ist Olaf H. aus Walle. Der 49-Jährige besucht das Nachtcafé seit November des vergangenen Jahres. Er hat einen Flyer von der Anlaufstelle im Volkshaus entdeckt und ist seither tagtäglich dort. „Man fühlt sich hier aufgefangen und kann so sein, wie man ist. Man braucht sich nicht verstellen”, stellt Hinrichs fest. Er ist sehr umgänglich und offen. „Die Besucher unterstützen sich gegenseitig. Hier kommen Leute her, die alle eine Vergangenheit und Geschichte hinter sich haben.” Auch er hatte einige Tiefschläge erlebt; er war arbeitslos und hat getrunken. Das Nachtcafé habe ihn aufgefangen. Er hat eine Betreuerin kennengelernt, die ihm durch Gespräche geholfen habe. Auch Anastasia K. aus Gröpelingen besucht das Nachtcafé regelmäßig. Sie hat durch die GAPSY von der Anlaufstelle erfahren und fühlt sich ebenfalls ganz wohl an dem Ort. “Es ist ein Ruhepol; hier bekommt man den Kopf frei und ist nicht mit seinen Gedanken hin- und hergerissen”, berichtet sie.

Insgesamt werde das Nachtcafé gut angenommen und sei gut ausgelastet, erklärt Jörg Utschakowski. Und dennoch ist die Zukunft dieser Anlaufstelle nicht ganz gesichert. Denn das Nachtcafé ist ein Modellprojekt, dessen Finanzierung nur bis Ende des Jahres sichergestellt sei, sagt BWG-Geschäftsführer Dünnwald. “Natürlich möchte die Behörde diesen Anlaufpunkt verstetigen, aber sie muss prüfen und gucken, ob dieses Modellprojekt zusammen mit den anderen Angeboten wie dem Krisentelefon und dem Rückzugsbett weiterhin sinnvoll erscheint, wie es in den letzten zweieinhalb Jahren angeboten wurde.” Ein sinnvolles Angebot sei das Nachtcafé auf jeden Fall, bekräftigt Jörg Utschakowski. „Deshalb sollten wir auf alle Fälle Elemente aufrechterhalten. Aber in welcher Form und in welchem Umfang, das müssen Beratungen ergeben.” Besucher wie O. Hinrichs und Anastasia Kiel hoffen, dass das Nachtcafé in seiner jetzigen Form bestehen bleibt. „Denn es muss weiterhin einen Anlaufpunkt geben, wo Menschen in Krisensituationen hingehen können“, sagt Hinrichs.