Autor:in: Leonard Schiff

Der Feind im Kopf

 

Meine erste Psychose brach aus, da war ich 19. Ich saß in unserer Villa in der Kawendelstraße in Lichterfelde in Berlin, zu der Zeit war ich Teil einer Studentenverbindung. Ich hatte den Tag über nichts gegessen, und, wenn ich mich recht entsinne, relativ viel Sport gemacht. Zur Belohnung gab es dann am Abend einen Joint. Das Cannabis hatte ich an der Hasenheide gekauft, zwischen Neukölln und Kreuzberg, die dort ansässigen Dealer kannten mich bereits, obwohl ich erst ein halbes Jahr dort lebte.

Ich war direkt nach dem Abi mit 18 nach Berlin gezogen, um Mathematik zu studieren. Das währte allerdings nicht lange; weniger, weil ich mit dem Stoff nicht zurechtkam, und eher, weil mein Sozialverhalten nicht besonders gut war, und im Studium musste man mit anderen zusammenarbeiten und Lerngruppen gründen, was mir nicht gelang. Die Depression begann allerdings schon früher. Bereits mit 12 fragte ich mich, wozu ich überhaupt auf der Welt sei; mit 14 zog meine Familie dann nach Ritterhude, von Kassel aus, und auf einen Schlag war ich all meine Freunde los und musste noch mal von 0 beginnen.

Um reinzupassen in die Dorfjugend ging bald darauf das Saufen los. Ich merkte relativ schnell, dass das keine gute Idee ist, aber so richtig erwehren konnte ich mich trotzdem nicht. Schnell folgte der erste Joint mit 15. Wir spielten dann bekifft mit einigen Kids Fußball und lachten uns schneckig dabei. Mein Alkoholkonsum wuchs bald zu zwei Flaschen Hochprozentigem pro Wochenende. Mein Großvater ist Anfang 50 an einer Leberzirrhose gestorben, und ich hatte Schiss. Doch dann merkte ich, dass, wenn ich was kiffte, mein Verlangen nach Alkohol stark nachließ; es schmeckte mir nicht so mehr so recht. Ich hörte nicht ganz auf zu saufen, das wäre in meinen Cliquen auch kaum eine Option gewesen, aber setzte immer mehr auf das Gras stattdessen.

Doch je mehr mein Konsum stieg, desto stärker wurde auch meine Lebensangst, und die Depression schlich sich ein. Als ich in Berlin das Studium nicht packte, schlug sie dann voll zu. Jeden Morgen wachte ich auf, und jeden Morgen dachte ich mir, dass es besser gewesen wäre, wäre ich nicht aufgewacht.
Die Cliquen in Ritterhude waren bereits recht konsumfreudig, aber das ist kein Vergleich mit einer Studentenverbindung. Gut, gekifft habe ich alleine, aber Bier und Schnaps floss in Strömen, und ich mittendrin.

Ich erinnere mich nicht mehr zu hundert Prozent daran, wie es geschah, aber ich weiß noch, dass ich immer mehr anfing, mich in Ideen hineinzusteigern. Unsere Ideen von Werten und Moral sei, wie die Mathematik, axiomatisch aufgebaut, Geld sei nichts wert, all so was. Ich rutschte in eine Art Allwissenheitswahn, wähnte mich manchmal im Himmel und manchmal in der Hölle, und verlor mehr und mehr den Zugriff auf das, was tatsächlich um mich herum vorging. Und dann kam die am Anfang erwähnte Nacht, die mein Leben für immer verändern sollte.

Nachdem ich den Joint geraucht habe, meldete sich in meinem Kopf, wie als Gedanke, aber von außen, ein Freund, und teilte mir mit, dass er sich per Telepathie bei mir meldete, und dass es eine ganze Gruppe von Menschen gebe, die über Telepathie miteinander kommunizierten. Ich hatte keinen Grund, ihm zu misstrauen, also tat ich das am Anfang nicht. Aber ich bin eigentlich schlau, und so hielt die Illusion nicht lange. Schon nach recht kurzer Zeit fing ich an mich zu wundern, dass er, der er doch eigentlich immer recht mitteilsam war, immer kurzatmiger antwortete und anscheinend auch nur Zugriff auf die gleichen Informationen hatte, die ich auch hatte.

Doch anstelle davon, dass die Illusion sich in Luft aufgelöst hätte, trat an ihre Stelle die nächste: Der Satan, eine sehr tiefe, gruselige Stimme, die mir jeden Gedanken verneinte. Ich erinnere mich nicht mehr komplett daran; was ich noch weiß, ist, dass dieser Satan das getan hat, was Satan eben immer tut: Zu versuchen, mir meine Seele abzukaufen. Er bot mir kein Geld, denn das wäre mir eh nichts wert gewesen; er bot mir eher was philosophisches, metaphysisches, eine Art unbegrenzte Macht und die Fähigkeit zu jeder Zeit gleichzeitig zu leben. Und während mich das einerseits reizte, war mir andererseits auch klar, dass ewiges Leben – und nichts anderes, so glaubte ich, wurde mir hier geboten – sich sehr schnell anfühlen müsse wie die Hölle. Also lehnte ich ab. Das fand „er“ allerdings überhaupt nicht gut. Die ganze Nacht kämpfte ich mit ihm, die ganze Nacht ging es hin und her, und irgendwann war ich am Ende. Ich war überzeugt: Das war’s, ich bin jetzt vollständig verrückt geworden, ich werde den Rest meines Lebens mit diesem „Satan“ kämpfen müssen und keinen klaren Gedanken mehr fassen können. Ich musste denken an das Potential, was mir innewohnt, und dass ich es durch mein Verhalten komplett in den Sand gesetzt hätte.

Also machte ich das einzige, was mir in dem Moment einfiel, ich musste an meine Familie denken, die ich so sehr enttäuscht habe, und so bat ich sie um Vergebung. Da sagte eine freundliche Stimme: „Ich vergebe Dir“, und der Satan war fort.

Wenige Monate später fand ich mich, zwangsweise, in der geschlossenen Station der Psychiatrie Debstedt wieder. Der Versuch, den Satan fortzuhalten, führte leider zu weit: Da ich glaubte, dass es an meinem Verhalten gelegen hat, dass er überhaupt aufgetaucht ist, änderte ich dieses massiv; keine Zigaretten mehr, kein Gras mehr, kein Alkohol mehr, kein Kaffee mehr, kein Fleisch mehr, keine Lügen mehr, nur noch Sport und Arbeit von morgens bis abends, und so wurde ich dermaßen extrem darin, zu vermeiden, dass ich irgendwann komplett aufhörte zu essen und zu sprechen.

Man könnte meinen, dass man daraus lernt; aber das war mit 19, und mit 21 fing ich wieder an zu trinken, und mit 23 fing ich wieder an zu kiffen, und mit 28 hatte ich meine letzte schwere Psychose. Das Leben ist nicht leicht, man weiß nicht, was richtig ist und was falsch, niemand kann einem die Entscheidungen, die man so zu fällen hat, abnehmen. Mittlerweile, mit 31, lebe ich allerdings abstinent; allerdings auch erst seit Dezember 2020.