Autor:in: Mariana Volz

Ich hasse meinen Körper

 

Ich hasse meinen Körper. Ich dachte immer, mein Körper, mein Übergewicht, meine Mängel halten mich vom Leben ab.

Ich war sehr lange der Überzeugung, dass mein Übergewicht der Grund dafür ist, dass ich keine Beziehung führen kann, dass mich kein Mann liebt, dass ich keinen guten Job bekomme. Denn mit soviel Gewicht kann ich keine gute Arbeit leisten, geschweige denn ein Vorstellungsgespräch überleben. Ich war sogar der Überzeugung, dass es besser ist, kein Bild auf meine Bewerbungsunterlagen zu kleben, damit ich nicht von vornherein als fette Sau aussortiert werde.

Auch der Rest meines Körpers kommt mir eher vor wie die Anhäufung von Mängeln.

Meine Gene möchte ich eigentlich nicht weitergeben. Denn auch mit Schmerzen macht es mir mein Körper manchmal schwer. Schwere Migräneanfälle, die aus dem Nichts kommen; vor denen ich mich nicht schützen kann; die mich immer wieder tagelang komplett aus dem Leben reißen. Warum macht mein Körper das mit mir? Will er mir sagen, dass ich nicht hierhergehöre, dass ich besser gehen sollte – und so schließen sich Suizidgedanken an, die ich eigentlich auch lieber nicht in meinem Leben hätte. Optisch habe ich das Gefühl, umgeben zu sein von hübschen Menschen – also zumindest so lange ich mein Blick auf Fernsehen und andere Medien richte. Dort scheinen immer alle „perfekt“ zu sein, keine Mängel zu haben. Jeder hat strahlend weiße Zähne, die Frauen genug Oberweite und andere Kurven, die Männer genug Muskeln. Wenn ich mir Filme anschaue, die mir zeigen, wie schön das Leben sein kann, dann haben die Menschen immer irgendwas – entweder sie sind besonders hübsch oder sie haben irgendeine tolle Fähigkeit. Auch damit kann ich nicht punkten. Ich war durch die Legasthenie (Lese- und Rechtschreibstörung) nie besonders gut in der Schule, sogar eher schlecht. Sport war nicht meins. Das Einzige, in dem ich in der Schule gut war, war Deutsch… ach nee, Deutsch auch nicht – wegen der Legasthenie.

Am Ende scheint mein Körper nur ein nutzloser Haufen zu sein; irgendwie eher eine Last als ein liebevolles Zuhause für meine wunderschöne Seele. Etwas, das mich im Leben behindert. So folgte auch ein Antrag auf Behinderung. Immerhin 30% GdB habe ich bekommen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass mich mein Körper auffressen will. Da das nicht wirklich passiert ist, habe ich lieber selbst gefressen und alles irgendwie noch schlimmer gemacht. So wurde mein Körper immer mehr zu dem, was ich nicht sein wollte.

Vor ca. zwei Jahren habe ich begonnen, meinen Körper zu verändern. Ich habe abgenommen. Das war aber eher ein Krieg und ist bis heute immer noch ein schlimmer Kampf. Eigentlich bin ich unzufrieden. Ich würde meinen Körper lieber lieben können! Ich will nicht jeden Tag kämpfen. Je mehr ich mit meinem Körper äußerlich zufrieden bin, desto eher denke ich, ich hätte es auch vorher schon sein sollen. Vielleicht ist das mit der Selbstliebe mein Problem. Ich finde, ich habe einen schönen Charakter – kein Problem, mich dafür zu lieben. Aber wenn ich meinen Körper so hasse, kann ich mich selbst wohl nicht in vollem Umfang lieben. Ich wünschte, ich könnte mich im Spiegel ansehen, mein Bauchfett liebevoll streicheln und sagen: „Ja, du gehörst zu mir und du bist gut so!“ Die Realität ist, dass ich immer noch kämpfe. Ich will nicht, dass mein Körper so aussieht, und selbst wenn ich es schaffe, noch weitere Kilos abzunehmen, werde ich mit meinem Körper nicht zufrieden sein. Das macht mich traurig und lässt mich sehr stark daran zweifeln, dass Körperoptimierung zum Ziel führt.

Es gibt immer mehr Menschen, egal, ob im Fernsehen oder in den Sozialen Medien, die zeigen, dass man seinen Körper so lieben soll und kann, wie er ist. Zum Beispiel bei #BauchFrauen. Auf deren Instagram-Profil oder der Webseite (www.Bauchfrauen.de) sieht man Frauen mit wenigen Klamotten oder nackt, die nicht den gängigen „Idealen“ entsprechen, und das finde ich toll! Ich möchte mich an dieses Bild gewöhnen. Ich möchte, dass das die Normalität wird, weil es die Wahrheit ist. So sehen Menschen, die breite Masse der Gesellschaft, aus! Nicht wie die Menschen in Film und Fernsehen. Wir haben alle unsere „Mängel“. Und wir sind so perfekt, wie wir sind!

Morgens, wenn ich mit Bus und Bahn zur Arbeit fahre, sehe ich eine bunte Vielfalt von Menschen. Es ist eine zufällige Ansammlung von echten Menschen, die repräsentativ für unsere Gesellschaft stehen könnten. Wenn ich mir diese Menschen anschaue, finde ich meistens nicht mal ein bis zwei Personen, die dem entsprechen, was mir in Filmen, Werbung oder anderen Medien als „schön“ und „Standard“ suggeriert wird. Manchmal denke ich, dass die Medien mein Gehirn vergiften, die Realität verzerren und mich unglücklich machen.

Umso besser und wichtiger finde ich Sendungen wie „No Body is perfect“ (Eine Sendung, die auf Sat.1 ausgestrahlt wurde, in der sich Menschen nackt begegnen und lernen, ihren Körper so anzunehmen, wie er ist und sich selbst liebevoll zu begegnen.) Klar, steht da auch sicherlich ein kommerzielles Interesse dahinter. Aber es war schön, endlich mal die Realität im Fernsehen zu sehen.

Ich wünsche mir eine Welt, in der mehr Normalität gezeigt wird; in der mir nicht suggeriert wird, dass ich falsch bin, wenn ich nicht dem Schönheitsideal entspreche, in der die Vielfalt von Menschen und deren Körpern auch in den Medien abgebildet wird, wo es keine Sensation ist, wenn sich jemand getraut, seinen Körper zu fotografieren oder in der Öffentlichkeit zu zeigen, nur weil er nicht dem Standard „schön“ entspricht.

Oft habe ich Verlustängste: Angst, Menschen, Beziehungen und den Halt im Leben zu verlieren. Das Einzige, von dem wir uns niemals trennen werden, dass wir niemals verlieren werden, das immer bei uns ist, ist unser Körper.

Deshalb sollten wir lernen ihn zu lieben!