Autor:in: Heike Oldenburg

Rote Blüten

 

Der Sohn des nun 83-jährigen Zeichners Yoshiharu Tsuge kümmerte sich darum, dass die japanischen Comic-Mangas seines Vater übersetzt wurden und im Jahr 2019 nun auch auf Deutsch im Reprodukt-Verlag in fast chronologischer Anordnung erscheinen konnten.
So wird sein Vater dank dieses lesenswerten Buches erneut Einkommen haben. Es gibt eine schöne Kurzgeschichte in „Rote Blüten“, in der ein Angler merkt, wie normal so ein Ausbrecher aus dem psychiatrischen Krankenhaus ist.
Meine Rezension des Buches ist geprägt von der eigenen Betroffenheit und meinen Erfahrungen als Expertin in eigener Sache.
Die Geschichte „Zwischenfall in Nishibeta“ umfasst fast 20 Seiten. Ein Angler, der am Ufer des Flusses Isumi steht, wird vom Wirt seiner Unterkunft gewarnt.
Zweimal fällt der Satz: „Es ist keine gute Idee, jetzt hier zu angeln!“ (S. 123)2 Alles stehe Kopf, weil ein Patient der psychiatrischen Nishibeta-Klinik entfleucht sei.
Auf fünf, gefühlt langen Seiten wird beschrieben, wie die Dorfbewohner sich in Panik bewaffnen und den Patienten an den unmöglichsten Orten suchen.
Ausgerechnet der Angler trifft auf seinem weiteren Weg – an traumhaften Chrysanthemen vorbei – den jungen Patienten, erkennbar am Bademantel und an dem Schriftzug der Klinik auf den Pantoffeln.
Der Patient bietet an, ihn zu einer Stelle mit vielen Hasel-Fischen zu führen. Aus Angst vor der möglichen Wut des Patienten folgt der Angler ihm.
Er stellt jedoch im Laufe des Gespräches fest: „Auf mich wirkte er überraschend normal“ (S. 132). Als der Patient sich mit dem Fuß in einer Felsspalte verfängt,
lässt er sich von herbeigerufenen Helfern „normal“ wie jeder andere Mensch ruhig befreien und in das Krankenhaus zurückbringen.
Der Angler fragt sich am Ende der Geschichte, ob der Patient wohl nicht einfach nur einen Spaziergang habe machen wollen?
Auf seinem Gesicht ist die Betroffenheit darüber zu erkennen, dass der Insasse sich diesen an sich normalen Wunsch nicht einfach so erfüllen kann,
sondern für „solche Aufregung“ (S. 136) im Dorf sorgt. Er ist von diesem Erleben der Unfreiheit so beeindruckt, dass er den Hasel-Fisch vom Boden des Lochs im Fluss freisetzt.
Hat diese Geschichte nun ein Happy End – im Gegensatz zu den meisten – oder nicht? Solch kleine, nebensächliche und alltägliche Begebenheiten finden sich in allen Geschichten.
Auf dem Klappentext des Buches wird die erzeugte Stimmung als „einzigartige Atmosphäre“ beschrieben. Der Künstler hatte/hat sein Leben lang mit Depressionen und Angstzuständen bis zum Selbsttötungsversuch hin zu kämpfen.
Er hatte den Mut, sein Erleben, seine innere Ausweglosigkeit in Form des damals ganz neuen „‚Ich-Comic‘“ (S. 392) darzustellen.
Der im Oktober 1937 geborene Japaner Yoshiharu Tsuge konnte sich nach unglücklicher Kindheit, Armut und frühen Gelegenheits-Jobs im Jahr 1954 seinen Traum des Comiczeichnens erfüllen.
Tsuges erste, irgendwie ziellos wirkenden Geschichten enttäuschten. Das führte zu einer Schaffenspause. Erst im Juni 1968 führte die Kurzgeschichte „Verschraubt“ zu Anerkennung, ja, Bewunderung.
Auf einem Traum basierend, wird eine durch ein Tier aufgerissene Ader am linken Oberarm nach langer Arztsuche durch den Liebesakt mit einer Gynäkologin, inklusive einer von ihr angebrachten, großen Schraube, geheilt.
Solcherlei skurrile Absurditäten schockten. Auch in den vielen Reisegeschichten wird Tsuges Suche nach Freiheit, aber auch Flucht vor den eigenen inneren Nöten, deutlich.
Auch der Umzug auf eine Insel und das Gründen einer Familie um das Jahr 1970 herum halfen ihm nicht. Seine letzte Serie trug den Titel „Der nutzlose Mann“.
Tsuge verstummte im Jahre 1987 und lebt zurückgezogen. Dabei wird er inzwischen als Klassiker gehandelt. Seine Geschichten wurden mehrfach verfilmt.
Ein Buch, in das mensch immer wieder einmal hineinschauen möchte.

 

1 https://www.deutschlandfunkkultur.de/yoshiharu-tsuge-rote-blueten-weisser-fleck-in-dermanga.2156.de.html?dram:article_id=465936, Zugriff 25. Oktober 2020

2 Alle Seitenangaben aus dem Buch „Rote Blüten“, Berlin 2019

Heike Oldenburg, Oktober 2020
Yoshiharu Tsuge: „Rote Blüten“, aus dem Japanischen von John Schmitt-Weigand, Berlin 2019