Autor:in: Volker Althoff

Schließung der Suchtstation

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„Stoppt den Bettenabbau auf den Suchtstationen im Klinikum Bremen-Ost“- so lautet der Wortlaut einer eingereichten Petition der Bremer Bürgerschaft. Darin werden drei Forderungen laut:

 

1. Keine Schließung einer weiteren Station
2. Kein Aufenthalt von Suchtpatienten auf den Regiostationen
3. Suchtbehandlung muss in staatlicher Hand bleiben.

 

Forderung 1 wird damit begründet, dass eine weitere Schließung ein noch geringeres Angebot für inzwischen immer mehr Menschen mit Suchtproblemen bedeutet. Mit momentan einer Station gibt es Wartezeiten von circa 6 Wochen.

Die Begründung für Punkt 2 lautet: Eine Unterbringung von Suchtpatienten auf den Regiostationen wird durch verschiedene Erkrankungen sehr anstrengend für alle Beteiligten (Patienten und Personal) und kann durch diverse Krankheitsmerkmale zu Konflikten führen. Eine adäquate Behandlung aller Patienten ist nicht möglich.

Der dritte Aspekt wird damit begründet, dass die öffentliche Hand durch legale Drogen sehr viel Geld einnimmt und bereit sein sollte, davon den Betroffenen eine Teilhabe am sozialen und beruflichen Leben zu ermöglichen.

Fakt ist, dass die Suchtstation 73 im kommenden Jahr geschlossen werden soll. Das bestätigt Stefanie Beckröge, Sprecherin der Gesundheit Nord-Klinikverbund-Bremen. „Diese Planung ist Bestandteil der bereits 2013 festgelegten Reform der Bremer Psychiatrie“, so Beckröge. In diesem Zuge sollen die ambulanten Angebote gestärkt, und die Krankenhausbetten abgebaut werden. „Die Schließung der Station ist aber kein Nachteil für die Betroffenen. Es werden mehr Kapazitäten für den qualifizierten Entzug geschaffen und es wird für die Betroffenen ein weitaus vielfältigeres Behandlungsangebot zur Verfügung stehen, dass viel besser auf die Wünsche und Bedürfnisse der Betroffenen Rücksicht nehmen kann“, macht Beckröge deutlich.

Das sieht Arndt Rose (62) aus Bremen-Hastedt ganz anders. Er hat angefangen, Alkohol zu trinken, als seine Frau verstorben ist. „Vorher habe ich zwar auch schon getrunken, aber kontrolliert. Ich kann mit Verlusten sehr schwer umgehen. Ich habe mich dann immer mehr zurückgezogen und nur noch Alkohol getrunken“, berichtet Rose. Seiner Meinung nach bräuchten Menschen mit Suchtmittelerkrankungen eine andere Versorgung, nämlich stationär und medikamentös: „Der Entzug auf einer Station wird medikamentös unterstützt, das lässt sich ambulant sehr schwer durchführen. Das macht kein Arzt und die Leute werden somit nicht loskommen vom Alkohol.“ Ambulante Hilfen wie BravO (Bremen ambulant vor Ort) oder APP (Ambulant Psychiatrische Pflege) des ASB würden seiner Meinung nach keine Hilfestellung bieten, wenn jemand alkoholabhängig sei. „So gibt es in dem Sinne auch keine richtige Betreuung.“

Suzanne Titera (45) aus Bremen wird noch deutlicher. Die Nachteile einer Schließung der Suchtstation sind ihrer Meinung nach offensichtlich und liegen auf der Hand: „Es wird mehr alkoholabhängige Menschen geben, die verzweifelt aufhören wollen, das aber nicht können, weil ihnen bei den ersten Schritten nicht geholfen wird.“ Sie selber ist alkoholabhängig und lebt mittlerweile seit etwa neun Jahren zufrieden ohne Alkohol und ist Genesungsbegleiterin. „In der Entgiftung werden häufig schon die Weichen für eine weitere Therapie gestellt, es werden Kontakte zu Selbsthilfegruppen geknüpft und es wird Hoffnung vermittelt, dass es Auswege aus diesem Sumpf gibt“, berichtet Titera. Für viele Menschen sei eine Entgiftung in den eigenen vier Wänden nicht möglich. „Denn es ist harte Arbeit, sich mit seiner Sucht zu beschäftigen, es werden Emotionen ausgelöst, die nicht leicht auszuhalten sind.“ Die Betroffene ist wütend und traurig darüber, dass die Station im kommenden Jahr geschlossen werden soll. „Schon vor einigen Jahren habe ich mitbekommen, dass Menschen auf einen Platz auf einer Entgiftungsstation länger warten mussten. Das bedeutet für sie abzuwägen, ob sie selbst versuchen zu entgiften oder weiter zu trinken, um Krampfanfälle zu vermeiden. Krampfanfälle können durch den körperlichen Entzug entstehen. Das hört sich verrückt an, ein Krampfanfall kann zum Tod führen, das Trinken selbstverständlich auch, aber das sind die beiden Alternativen“, beschreibt sie die Situation. Ihre Befürchtung ist: „Dass sich die Situation, die schon vor ein paar Jahren nicht optimal war, durch Corona noch verschlechtert hat und noch schlimmer wird. Die Folgen wird man sicher erst nach einigen Jahren feststellen, dann ist es wohl für viele Menschen zu spät.“ Auch Arndt Rose ist tief enttäuscht über die Planungen.

 

Patienten der Suchtebene haben zudem 15 Vorteile der stationären Behandlung auf zwei Stationen benannt:

  • Aufenthalt in einem geschützten Rahmen
  • Ansprechpartner (z. B. Pflege)
  • Ärztliche Betreuung im Notfall
  • Kürzere Wartezeiten nach der Anmeldung
  • Höhere Erfolgsquote
  • Höhere Effizienz bei weiterführenden Maßnahmen (z. B. Reha oder Wohnsituation)
  • Nachhaltigkeit bezüglich Abstinenz
  • Gegenseitige Unterstützung der Patienten untereinander
  • Soziale Vernetzung wird gefördert
  • Gesunde und fachgerechte Ernährung
  • Struktur und Tagesplanung
  • Allgemeine Motivationssteigerung (Sport, Kochen, Gespräche)
  • Abstinenzmotivation bleibt erhalten
  • Wiedererlangung oder Steigerung des Selbstwertgefühls durch Gruppenzusammenhalt
  • Begleitende Unterstützung in der Alltagsbewältigung (Hilfe bei Anträgen, Termine bei Ämtern)

 

Gerade die Gespräche unter Patient:innen seien ein wichtiger Bestandteil des Entwöhnungs-prozesses, sagt Suzanne Titera. So ist es auch aus dem Umfeld der Klinik zu hören. Forderungen werden laut, dass es wichtig sei, dass die Station 73 erhalten bleibe. „Denn so müssen die Patient:innen nicht so lange auf eine Aufnahme warten. Teilweise dauert die Wartezeit bis zu 6 Wochen. Zudem gibt es mehr Sicherheit und einen geschützten Rahmen für die Betroffenen“, lautet eine der Aussagen. Das Vorhaben der Politik und der Krankenhausleitung stoße nicht gerade auf positive Resonanz, ist aus dem Umfeld weiter zu hören. „Es herrscht eine Art Leere beim Personal. Die Mitarbeiter:innen sind alle motiviert, aber sie wissen nicht, wofür sie sich noch motivieren sollen, wenn die Station geschlossen wird.“ Dass die Patient:innen nach den Planungen zukünftig in Regiostationen behandelt werden sollen, passe den Mitarbeitern gar nicht: „Wenn ein Mensch nach Stadtteil behandelt wird und nicht nach Diagnose, kann viel durcheinandergeraten. Die Süchtigen sollten unserer Meinung nach für sich bleiben, um sich gegenseitig zu stützen. Und das Personal ist für die Sucht ausgebildet. Die Behandlung auf Regiostationen ist der falsche Weg.“

„Aktuell gibt es die Aufnahmen für den qualifizierten Entzug in den Tageskliniken Süd und West und in den Suchtstationen. Dort gibt es eine Wartezeit von zwei bis drei Wochen“, beschreibt Dr. Martin Zinkler, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Bremen-Ost, die momentane Situation. Der qualifizierte Entzug solle aber in allen Tageskliniken möglich sein, also in mindestens fünf, verspricht Zinkler.

 

Ungeachtet dessen ergeben sich nach Angaben von Stefanie Beckröge für die Behandlung Suchtkranker folgende Änderungen:

  • Die teilstationäre Behandlung wird ausgeweitet. Neben den bestehenden Angeboten in den Tageskliniken West und Süd wird es voraussichtlich schon in diesem Jahr tagesklinische Angebote in Mitte (Klinikum Bremen-Mitte) und Ost geben.
  • Die stationäre Behandlung Suchtkranker wird in Zukunft auf den Regio-Stationen (Ost, Mitte, Süd, West) erfolgen, auf denen alle psychischen Störungen des Erwachsenenalters behandelt werden. Die Zuteilung der Patienten erfolgt nach ihrem Wohnort. Pro Station wird es 5 Behandlungsplätze für Suchtkranke geben, also insgesamt 20 stationäre Behandlungsplätze
  • Außerdem wird das Home-Treatment, also die akute Behandlung im Wohnumfeld wieder ausgebaut. Derzeit wird das Home-Treatment (BravO – Bremen ambulant vor Ort) für die Regionen Ost und Mitte angeboten. Bis 2023 ist die Ausweitung dieses Angebots für die Regionen West und Süd geplant. Es werden also für diese Regionen 20 zusätzliche Akutbehandlungsplätze geschaffen. Die von BravO betreuten Patient:innen mit einer Suchterkrankung sollen zusätzlich die Möglichkeit bekommen, an suchtspezifischen Gruppentherapien in den jeweiligen Behandlungszentren vor Ort teilzunehmen. Dadurch ergeben sich viele Synergien für die Behandlung, zumal die Behandlungszentren ja auch die Suchtberatung und die Vermittlung in Reha-Behandlungen organisieren.
  • Die verbleibenden Stationen im Haupthaus des Klinikums Bremen-Ost werden gründlich renoviert und mit einer zeitgemäßen Ausstattung versehen.

 

Unverändert soll die Station 71 als Suchtstation weitergeführt werden“, teilt Diana Schlee, Referentin der Pressestelle der Senatorin für Gesundheit, Frauen und Verbraucherschutz mit. „In den frei werdenden ehemaligen Räumlichkeiten der Station 73 wird dann eine der neu geschaffenen Regio-Stationen mit jeweils fünf Plätzen zur Behandlung von suchtkranken Menschen verortet.“ Die Möglichkeit einer gemeinsamen Behandlung von Suchtkranken und Menschen mit anderen psychischen Erkrankungen auf einer Regio-Station biete die Chance, ein umfassenderes Behandlungsangebot zu nutzen, welches auf beide Erkrankungen eingehe. Denn viele suchtkranke Menschen leiden unter einer weiteren psychischen Störung und Menschen mit einer „psychiatrischen“ Diagnose praktizieren nicht selten riskanten Suchtmittelmissbrauch, so Schlee. „Aufgrund von coronabedingten Personalengpässen im ersten Quartal dieses Jahres ist es erforderlich gewesen, die zur Schließung vorgesehene Suchtstation 73 in eine tagesklinische Suchtbehandlung umzuwandeln. Insofern erfolgte aktuell eine temporäre Reduzierung der stationären Behandlungsplätze, die durch das tagesklinische Angebot kompensiert wird. Diese Notfall-Maßnahme hat nichts mit den geplanten Veränderungen im Rahmen der Psychiatrie-Reform zu tun und soll baldmöglichst rückgängig gemacht werden.“

So erfolge die Wahl des Behandlungssettings (Tagesklinik, Suchtstation, Regio-Station) in Absprache mit den Patient:innen. Das Prinzip der Wahlfreiheit für die Patient:innen in Bezug auf ihre Behandlung sei ein zentrales Element der Psychiatriereform. Hierbei seien lange Wartezeiten auf die gewünschte Behandlung zu vermeiden. Eine ambulante Entzugsbehandlung werde empfohlen, wenn keine schwere Entzugssymptome oder – komplikationen zu erwarten seien, macht Schlee deutlich.

Auch Claudia Bernhard (Die Linke), Senatorin für Gesundheit, Frauen und Verbraucherschutz betont, dass das Ziel der Psychiatriereform eine bestmögliche Versorgung sei, in der Patient:innen aktiv über die für sie richtige Behandlungsform mitentscheiden könnten. „Wichtig ist mir, dass wir keine Angebote abbauen, sondern in Strukturen überführen, die den Patient:innen in ihren jeweiligen Situationen wirklich weiterhelfen“, so Bernhard. Trotz der Schließung der Suchtstation 73 bestehe laut Aussage der Gesundheitssenatorin nach wie vor die Möglichkeit der stationären Behandlung für Patient:innen. Das gelte vor allem auch für Personen, bei denen eine akute Selbst- oder Fremdgefährdung vorliege. „Grundsätzlich erreichen wir mit der Option einer Behandlung zu Hause aber auch Menschen, die stationäre Behandlungen in der bisherigen Form nicht nutzen wollen oder können. Das hat auch den Vorteil, dass die Patient:innen früher in ihrem sozialen Umfeld versorgt werden können“, so Bernhard.

Dr. Martin Zinkler spricht sich ebenfalls dafür aus, dass die Patient:innen über die Behandlungsform mitentscheiden und die Möglichkeit haben sollen, wo sie zur Entgiftung hingehen. Seine Haltung zur bevorstehenden Schließung der Suchtstation ist: „Natürlich muss es eine stationäre Entgiftungsmöglichkeit geben, aber es soll nicht die einzige Entgiftungsmöglichkeit sein.“

Suzanne Titera wünscht sich von der Politik und der Krankenhausverwaltung, dass Betroffene miteinbezogen werden. „Nicht nur auf den Stationen als Genesungsbegleiter:innen, sondern auch in Entscheidungsprozessen ist das wichtig. Menschen mit Beeinträchtigungen egal welcher Art, müssen dabei unterstützt werden, sich für ihre Bedürfnisse aktiv politisch zu engagieren.“ Die Mitarbeiter:innen wünschen sich, dass sie im Gespräch mit der Politik und der Krankenhausleitung bleiben. „Wir wollen die Problematik der Sucht darstellen“, so eine der Forderung.

4 Gedanken zu „Schließung der Suchtstation

  1. 100 Milliarden für neues Kriegsspielzeug ist kein Problem, aber an Suchtkranken muss gespart werden!
    Wenn ihr da, liebe Politiker, sparen wollt, dann verbietet
    doch die Volksdroge Nr. 1, den Alkohol und bestraft nicht die Süchtigen.

  2. Das ist einfach nur eine Methode, Geld zu sparen. Viele werden sich dann nicht mehr mit ihren Problemen ins Krankenhaus trauen. Es passen halt nicht alle Erkrankungen zusammen. Überspitzt bedeutet das, dass dort Pädophile mit Missbrauchsopfern, aggressive mit ängstlichen, traumatisierten Patienten zusammen gesteckt werden und dazwischen laufen Suchtpatienten rum, die bei der Aufnahme oft sehr alkoholisiert sind.

  3. Als 2003 die Klinik Sebaldsbrück mit ihren 11 Stationen geschlossen wurde, blieben 2 Entgiftungsstationen mit einer kleinen integrierten Motivationsbehandlung und eine Rehastation im Klinikum Bremen Ost übrig. Trotzdem wurde weiter gespart, obwohl es nicht weniger Patient*innen mit einer Suchtproblematik gibt. Die Rehastation wurde einem privaten Anbieter überlassen, der Bettenabbau des Klinikums Bremen Ost in der Psychiatrie verlief immer auf Kosten der Betten für die Suchtkranken. Personal zu motivieren, sich für die Arbeit in der Suchtabteilung zu interessieren und dort zu engagieren, ist bei dieser Entwicklung nicht möglich. 2003 wurde mit Schließung des Krankenhauses Sebaldsbrück symbolisch die Suchtbehandlung zu Grabe getragen. Zum 20. Jahrestag wird nun auch die letzte Hoffnung hier in Bremen begraben.

  4. Nach der Schließung 2003 des Krankenhauses Sebaldsbrück mit 11 Stationen, ging jeglicher Bettenabbau des Klinikum Bremen Ost in der Psychiatrie auf Kosten der Suchtabteilung. Die Rehastation wurde an einen privaten Träger abgegeben und 20 Jahre nach Schließung vom Sebaldsbrücker Krankenhaus begraben wir wohl die letzte Hoffnung für die Suchtpatienten. Und wie soll man Personal motivieren sich für die Arbeit mit Suchtkranken zu engagieren, wenn jedes Jahr neue Hiobsbotschaften mit Schließung von Stationen gebracht werden? Warum bekommt man kein Pflegepersonal in diesem Krankenhaus? Solange es nur noch um Zahlen und nicht mehr um den Menschen geht, wird sich daran nichts ändern!

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