Autor:in: Sabine Weber

Vom Psychiatrieerfahrenen zum Genesungsbegleiter

 

In diesem Interview wird über die Erfahrungen mit der Ex-In –Ausbildung zum Genesungsberater berichtet.

Zwielicht: Wann haben Sie die Ausbildung gemacht?
Detlef Tintelott: Uhhhhh, das ist schon einige Jahre her, ich meine das war 2008/2009
Zwielicht: Was bedeutet Ex-In eigentlich?
Detlef Tintelott: Ex-In ist eine Abkürzung, das heißt direkt übersetzt Experienced-Involvement, es ist ein englischer Begriff, könnte man mit Beteiligung von Psychiatrieerfahrenen übersetzen. Beabsichtigt ist, dass Psychiatrieerfahrene sich über Ex-In fortbilden, um in der psychiatrischen Versorgung mitarbeiten zu können.
Zwielicht: Was heißt psychiatrieerfahren?
Detlef Tintelott: Dass man die Erfahrung mit der Psychiatrie als Betroffener gemacht hat. Man muss nicht im Krankenhaus gewesen sein, das geht auch ambulant, nur dass man die Erfahrung als Betroffener gemacht hat, darum geht es. Dass man z.B. durch eine schwere Krise gegangen ist, mit einem Psychiater oder Psychologen.
Zwielicht: Aber was heißt das genau? Und wie ist die Ausbildung gestaltet?
Detlef Tintelott: Es geht nicht darum, im System zu sein, sondern, Erfahrung mit einer seelischen Erkrankung gemacht zu haben, eine eigene persönliche Erfahrung. Allerdings sollte man einen Krisenabstand haben, der sollte mindestens zwei Jahre betragen. Wenn man jetzt von sich erzählt in der Ausbildung und von den eigenen Krisen, dann kann man da plötzlich wieder hinein kommen, wenn man den Abstand nicht hat.
Ansonsten geht es darum, von eigenen konkreten Erfahrungen zu allgemeinen Erkenntnissen zu kommen. Die Ex-In Ausbildung macht das folgendermaßen: Jeder kann seine Geschichte erzählen, das heißt ein Ich-Wissen, und dann trägt man alles zusammen, sodass man auch die anderen Krankheiten versteht. Und man will dann vom Ich-Wissen zum Wir-Wissen kommen. Es geht darum, auch Menschen mit einer Erkrankung zu verstehen, die man selber nicht hat. Und dazu hat man ein Jahr Zeit und häufig ist es so, dass diejenigen, die diesen Kurs besuchen, sich auch privat untereinander noch darüber austauschen, nicht nur während der Ausbildung. Und so lernt man dann ganz viel über andere Krankheiten. Und das Ganze wird gesteuert, es steht ein Team dahinter. Pro Kurs gibt es immer zwei Personen, die anleiten. Einer ist der sogenannte Profi, der also nicht psychisch erkrankt ist und der zweite Ausbilder ist ein Betroffener, also jemand, der schon eine psychische Erkrankung hatte. Es ist immer so, in allen Städten wird das so gemacht.
Wichtig ist auch, sich in eine Gruppe einzufügen während der Ausbildung. Dass man nicht nur von sich selber erzählt. Wenn ich zum Psychiater gehe, erzähle ich von mir und meiner Krankheit, aber ich muss in der Ausbildung oder auch später als Genesungsbegleiter zuhören, was andere für Probleme haben. Auch verstehen, nicht nur von mir erzählen, sondern auch nachempfinden, was andere erleben. Da kommen viele auch nicht so richtig drauf klar, manche erzählen und erzählen von sich, aber hören gar nicht zu, was andere wichtiges zu sagen haben.
Zwielicht: Wie wird diese Ausbildung finanziert?
Detlef Tintelott: Das ist ein europäisches Modellprojekt: So gab es anfangs dafür Zuschüsse, aber mittlerweile muss man die Ausbildung zum Großteil selber bezahlen. Es gibt im Augenblick kaum Finanzierungsmöglichkeiten.
Außerdem ist Ex-In durch die Agentur für Arbeit nicht als Berufsausbildung anerkannt, deswegen gibt es Schwierigkeiten, die Leute zu bezahlen. Es ist in der Regel so, dass man 100 Euro oder 120 Euro monatlich über ein Jahr selber zahlen muss.
Zwielicht: Wie haben Sie für Ihre Ex-In-Ausbildung die notwendigen Mittel aufgebracht?
Detlef Tintelott: Ich war damals schon in fester Arbeit und musste monatlich was abdrücken, Ich musste damals weniger bezahlen und mein Arbeitgeber hat mich dann teilweise freigestellt, sodass ich also kaum Urlaubstage verbrauchen musste. Da hat mein Arbeitgeber sehr gut mit gespielt.
Zwielicht: Welche Möglichkeiten der finanziellen Förderung gibt es eigentlich?
Detlef Tintelott: Einen genauen Überblick über Finanzierungsmöglichkeiten kann ich so spontan nicht geben. Als Harz-IV-Empfänger kann man sich was organisieren, über – wie nennt sich das – Wiedereingliederungshilfe und solche Sachen, aber es ist sehr schwierig, das irgendwie bezahlt zu bekommen.
Es ist gut, wenn Sie in Bremen direkt bei Fokus nachfragen (www.fokus-fortbildung.de).
Die Fortbildung erstreckt sich über ein Jahr und das ganze wird jetzt noch etwas erweitert, damit alles in Zukunft als offizielle Ausbildung anerkannt wird und ein Berufsbild daraus entsteht.
Und dann rastet das im Gesellschaftssystem vielleicht leichter ein als jetzt. Heute hat man noch große Probleme eine Anstellung zu bekommen, die auch vernünftig bezahlt wird.
Zwielicht: Wie viele Module sind das auf ein Jahr verteilt?
Detlef Tintelott: Jetzt ist die Fortbildung auf 12 Module ausgeweitet, dazu kommt ein Praktikum im ersten Halbjahr. Das entspricht einer Stundenzahl von circa 100 Stunden, im zweiten Halbjahr auch so 100 Stunden.
Im Praktikum sammelt man mehrere Wochen lang Erfahrungen. Man geht da in verschiedene Bereiche, kann beispielsweise in der Tagesstätte arbeiten, im Wohnheim oder in anderen Bereichen der psychiatrischen Versorgung, eventuell auch im Krankenhaus, was allerdings sehr schwierig ist.
Zwielicht: Wo haben Sie das Praktikum gemacht?
Detlef Tintelott: Ein Praktikum im Haus Hastedt, dem Wohnheim vom ASB, und ein Praktikum in der Klinik Ost, da bin ich Patientenfürsprecher, deswegen bin ich da gut rein gekommen.
Schwierig ist es allerdings die Anerkennung von der Agentur für Arbeit zu bekommen, sodass die Ausbildung vom Amt gefördert wird.
Zwielicht: Was kann man machen, wenn man die Ausbildung absolviert hat?
Detlef Tintelott: Zum Schluss der Ausbildung bekommt man ein Zertifikat, da steht drauf, dass man Genesungsbegleiter ist.
Man kann auch als Dozent arbeiten, das liegt vielen. Als Dozent anmelden und überall Vorträge halten, über das Thema Psychiatrie aus Sicht der Betroffenen. Dann ist es auch möglich, Geld damit zu verdienen, nur man muss sich ständig darum kümmern, dass man als bezahlter Referent eingeladen wird. Und nicht jeder bekommt so viel Geld wie Peer Steinbrück dafür.
Der bekommt natürlich Honorare die man in unseren Kreisen nicht bekommt. Wenn ein Ex-In-Ausgebildeter für einen Vortrag 50 bis 100 Euro bekommt, ist das viel.
Zwielicht: Wie setzen Sie persönlich ihre Ausbildung ein?
Detlef Tintelott: Ich habe zunächst erst mal gar nichts damit gemacht.
Ich hatte ja ein festes Arbeitsverhältnis und da habe ich erst mal ein paar Jahre vergehen lassen, bis ich wusste, was ich eigentlich damit anfangen möchte. Ich habe lange überlegt, habe dem Ausbilder, dem Jörg Utschakowski, im Vorstellungsgespräch zur Ausbildung gesagt, dass ich es erst mal nur so mache, um vielleicht was dazu zu lernen, aber nicht unbedingt alles zu nutzen, um im psychiatrischen Bereich zu arbeiten.
Man kann zum Beispiel Vorträge, die man selbst erarbeitet hat, vor Studenten oder Ärzteschaften halten, das hab ich auch schon gemacht.
Zwielicht: Wie kommt das an ?
Detlef Tintelott: Es war vor einigen Jahren noch sehr gefragt, in letzter Zeit wird es weniger, weil sich ja nicht alles wiederholen soll. Wenn Sie vor fünf Jahren einen Vortrag gehalten haben, brauchen Sie den nicht jedes Jahr zu wiederholen.
Zwielicht: Haben sie schon andere Perspektiven entwickelt, was sie mit der Ausbildung machen können ?
Detlef Tintelott: Ich arbeite in einem Wohnheim, aber nicht im Haus Hastedt, wo ich das Praktikum gemacht habe, sondern in einem anderen. Dort arbeitete ich mit psychisch Kranken. Das mache ich schon fast eineinhalb Jahre.
Zwielicht: Zusätzlich zu ihrem anderen Job ?
Detlef Tintelott: Ja ich arbeite in der Klinik Ost als Fürsprecher, da mach ich zwei Tage Sprechzeiten, einmal morgens, einmal nachmittags und hab da auch noch mit anderen Arbeitsgruppen zu tun.
Zwielicht: Wie ist es in Bremerhaven? Da habe ich gehört, dass Ex-In Ausgebildete bezahlt werden.
Detlef Tintelott: Im Krankenhaus Bremerhaven Reinkenheide sind sechs Stations- und Genesungsbegleiter angestellt. Da hat sich die Pflegedienstleiterin Angelika Lacroix richtig drum gekümmert, denen einen normalen bezahlten Arbeitsplatz zu beschaffen. Das war ein langer Kampf. Sie hat das dann irgendwie hingekriegt, dass jetzt die Ex-In-Mitarbeiter von einer 30 Stundenwoche leben können und keine andere Unterstützung brauchen.
Es war schwierig, die Mitarbeiterteams dafür zu gewinnen, dass diejenigen, die mal Patienten waren, nun dort als Mitarbeiter eingestellt werden, das ist auf Widerstand gestoßen.
Es ist für das Team ein großes Problem, die Genesungsbegleiter aufzunehmen. Es gibt eine Spaltung in krank und gesund. Die Übergänge sind in der Realität aber fließend. Der Genesungsberater sorgt für das Milieu und nimmt Gesprächsbedarf auf. Überdies kommt es zu Begleitungen der Patientinnen und Patienten außerhalb des Krankenhauses. In Bremerhaven ist das ganze schon relativ gut entwickelt.
Zwielicht: Wie komme ich nach der Ex-In Ausbildung am besten in eine Tätigkeit?
Detlef Tintelott: Wenn Sie irgendeine Idee haben wo sie arbeiten möchten, bewerben Sie sich am besten erst einmal um ein Praktikum.
Also zuerst einmal ein Vorstellungsgespräch für eine Bewerbung führen. Dann kommt eine Hospitation und anschließend ein Praktikum. Es folgt vielleicht ein befristeter Vertrag usw…, es geht Stück für Stück.
Die Chancen, im psychiatrischen Bereich zu arbeiten, sind erhöht.
Es ist auch möglich, dass Einige das nur machen, um mehr über Erkrankung und Hilfsmöglichkeiten für sich selber im Versorgungssystem zu wissen. Man lernt: Was gibt es noch außer Medikamenten an Angeboten? Wie funktioniert das System? Wo kann ich hin gehen? Wo kann ich mich hin wenden?
Abschießend sei noch gesagt, dass die Ausbildung Spaß macht, man sitzt da nicht nur und büffelt, sondern es ist alles recht locker. Mit Auflockerungsübungen und anderen Übungen zwischendurch. Es macht keinen Stress, also nicht diesen Berufsstress den man heute in der Ausbildung hat, dass man da schnell umkippt.
Zwielicht: Vielen Dank für dieses Gespräch!
Die Mitschrift des auf Tonträger aufgenommenen Interviews ist erheblich umfangreicher und befasst sich noch mit weiteren Themen. Es wurde gekürzt und zusammengefasst. Wer sich für das gesamte Interview interessiert, kann es per Email zugestellt bekommen. Wenden Sie sich bitte an shr@asb-bremen.de.
Das Interview für die Zwielicht führte Sabine Weber